Ein Video-Archiv der Revolution

Posted on 31. Januar 2018

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Ägyptisches Videoarchiv 858.ma

Eine Open-Source-Plattform der Revolution

[Zuerst erschienen bei Qantara.de. Englische Übersetzung hier.]

Nur wenige Klicks, und der Zuschauer steht mitten in einer Demonstration vor dem mächtigen Kairoer Fernseh- und Rundfunkgebäude. Plötzlich: Schüsse, Schreie, die Kamera wackelt, in der Ferne heulen Sirenen. Einige Klicks weiter spricht die Mutter eines getöteten Jungen im Leichenschauhaus ihr Leid in die Kamera.

Wenige Tage vor dem siebten Jahrestag des Beginns der ägyptischen Revolution haben Aktivisten unter www.858.ma ein Videoarchiv online gestellt. Insgesamt 858 Stunden umfasst das Filmmaterial, fast 36 Tage, und es soll stetig ergänzt werden. Die meisten Videos sind von 2011 und 2012, sie zeigen Demonstrationen gegen die Regierung, staatliche Repression oder Interviews. Wer sich durch das Archiv klickt, ist mittendrin in einer Realität, die die ägyptische Regierung gerne vergessen machen will.

Hinter dem Archiv steht Mosireen, eine lose Gruppierung von Medienaktivisten. Auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos hatten sie Mitte 2011 Videos der Aufstände gesammelt und im „Tahrir Cinema“ gezeigt.

Bilder von der der ganzen Brutalität des Regimes

Schon während der 18 Tage dauernden Revolte, durch die im Februar 2011 der Langzeitpräsident Husni Mubarak hinweggefegt worden war, hatten viele der späteren Mosireen-Mitglieder Videoclips zusammengetragen und damit die unabhängigen ägyptischen und die internationalen Medien versorgt. Das staatliche Fernsehen hingegen suggerierte, alles sei friedlich. „Wir brauchten Beweise, Bilder von den Tötungen, von den gefolterten Körpern in den Leichenschauhäusern, von der ganzen Brutalität des Regimes“, erklärt eine Aktivistin aus dem 858.ma-Team.

Dass sie anonym bleiben möchte, ist verständlich: Der Kampf um die Deutungshoheit ist in vollem Gange – doch der Staat hat die größeren Mittel. Für ihn sind die Aufstände Chaos, Bedrohungen der inneren Sicherheit. Die viel größere Revolution sei der 3. Juli 2013 gewesen: An diesem Tag entmachtete das Militär den zwar unbeliebten, aber demokratisch gewählten Präsidenten Mohamed Mursi. Der hatte den demokratischen Auftrag gründlich missverstanden und versucht, das Land gemäß den Vorstellungen seiner Muslimbruderschaft umzubauen.

(weiter auf Qantara.de)

Beitragsbild: Screenshot http://www.858.ma

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