Mitleid – im Gespräch mit Nikita Dhawan

Posted on 12. Oktober 2017

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Unser Handeln ist nie altruistisch und selbstlos“

Mitleid mit dem Anderen hat viel mit uns selbst zu tun, wirklich selbstlose Hilfe ist kaum möglich. Doch was folgt daraus angesichts vieler Kriege, Krisen und anhaltender weltweiter Migrationsbewegungen? Vor dem Hintergrund des erstarkenden Rechtspopulismus plädiert die Politikwissenschaftlerin Nikita Dhawan für einen differenzierten Umgang – und für eine andere Politik des Dialogs.

[Zuerst erschienen am 28. September 2017 auf Kulturen des Wir, einer Website des ifa.]

Frau Dhawan, ist wirkliches ​Mit-Leiden“ überhaupt möglich? Und: Ist es sinnvoll?

Sich mit Anderen identifizieren zu können, ist ein wichtiger Aspekt der Ethik. Der Kategorische Imperativ, dass ich dem anderen nichts antue, was ich nicht selber möchte, ist die Basis vieler philosophischer Theorien. Wir haben eine Verantwortung für andere Menschen und müssen umgekehrt auch Solidarität erwarten können. In unserer interdependenten Welt gibt es eine gemeinsame Verletzlichkeit: Wir alle können Opfer von ökologischen oder ökonomischen Krisen werden. Das Leid in einem anderen Teil der Welt betrifft auch uns. Deshalb kann man nicht sagen, dass man nur für sich selbst, die eigene Familie, die eigene Gemeinschaft verantwortlich ist. Natürlich gibt es Leute, die genau das tun, Trump, die Rechtspopulisten – sie sagen, dass unsere Verantwortung an der Grenze endet.

Mitleid braucht einen Gegenpart, auf den es sich ausrichtet. Wie gehen wir damit um, wenn sich dieser verändert, unsympathisch wird?

Kant betont, dass jeder, der zu mir kommt, meine Gastfreundschaft verdient hat. Wenn er sich aber daneben benimmt, kann ich sie ihm verweigern. Das hat Jacques Derrida kritisiert: Ethik kann nur funktionieren, wenn sie bedingungslos ist. Ein Beispiel ist das, was vor zwei Jahren nach Silvester in Köln mit der deutschen Willkommenskultur passiert ist: Es war spannend zu sehen, wie unbeständig sie war. Alle männlichen Flüchtlinge wurden als Vergewaltiger stigmatisiert, und plötzlich haben sich noch die konservativsten Politiker als Feministen stilisiert. Hier wurde die Ethik für politischen Opportunismus instrumentalisiert.

Die Gefühlslage in der Gesellschaft war aufgewühlt. Welche Reaktionen fanden Sie angemessen?

Ich halte es generell für sehr wichtig, selbstkritisch und selbstreflexiv zu sein. Damals wurde von Feministinnen eine Demo organisiert, auf der sowohl der Antifeminismus als auch der Rassismus kritisiert wurde. Hier wurde konkret versucht, differenziert und nuanciert zu handeln und sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Man kann ja nicht einfach die Genfer Flüchtlingskonvention aus dem Fenster werfen.

[Das vollständige Interview steht hier.]

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