Schreiben für das Leben

Posted on 20. November 2016

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Auch in diesen Tagen rückt der Irak, dieses uralte Zentrum der Hochkultur, wieder in den Fokus: Eine irakisch geführte Militärkoalition versucht, dem „Islamischen Staat“ die Kontrolle über Mossul zu entreißen. Wieder bestimmen Leid und Krieg das Bild, das im Westen ankommt. „Aber das wirkliche Leben, das liegt abseits davon“, erklärt die Dichterin Amal Ibrahim al-Nusairi. Es spielt sich in Privathäusern ab, in Gärten, auf Literaturlesungen.

[Erschienen im November 2016 auf goethe.de und verschiedenen Unterseiten, z.B. im Irak, arabische Übersetzung hier.]



Lesungen in Bagdad, in blühenden Gärten? Das mag aus europäischer Perspektive höchst ungewöhnlich wirken. Gewiss, der Irak ist tatsächlich ein blutendes Land, doch nur allzu leicht bedienen die westlichen Medien das Bild von Krieg und Krise. Das verstellt den Blick dafür, dass auch im Irak Menschen leben, die lieben und leiden, schlafen und essen. Und, ebenso natürlich: schreiben. Amal al-Nusairi ist eine dieser irakischen Schriftstellerinnen. Gemeinsam mit der Übersetzerin Leila Chammaa, der Autorin Ulla Lenze und der Literaturagentin Claudia Kramatschek diskutierte sie auf der Frankfurter Buchmesse darüber, was es heißt, im Irak zu schreiben, über die Bedeutung des interkulturellen Austauschs und über die sehr aktive Rolle von Frauen in Kunst und Politik. Veranstalter war das Goethe-Institut mit seinem Literaturportal litrix.de, das noch bis 2017 den Schwerpunkt auf die arabische Welt legt.

Schreiben für das Leben © Goethe-Institut

Eine alte Druckmaschine arbeitet wieder

Mitten unter den vielen Gästen saß eine weitere heimliche Hauptperson: Birgit Svensson. Svensson ist seit vielen Jahren die einzige deutschsprachige Journalistin, die in Basra lebt und arbeitet. Wer den Medienzirkus kennt, weiß, dass die deutschen Redaktionen sie vor allem zu Krisenthemen anfragen. Svensson war das nicht genug: Gemeinsam mit al-Nusairi und einigen anderen Dichterinnen brachte sie schon 2013 den Gedichtband Mit den Augen von Inana heraus – auf Arabisch, gedruckt auf einer alten deutschen Maschine im südirakischen Basra. Dass Bücher im Irak selbst gedruckt werden, ist äußerst selten. Mittlerweile ist der Band auch auf Deutsch und Französisch erschienen.

Basra, ehemals das „Venedig des Ostens“, heute aber viel konservativer als Bagdad, ist auch der Ort, an dem Svensson seit Ende 2015 eine Workshopreihe für irakische Schriftstellerinnen veranstaltet. „Es gibt in Basra viele Einschränkungen, die Frauen können nachts zum Beispiel nicht ohne weiteres alleine unterwegs sein“, erklärt al-Nusairi. „Beim ersten Workshop waren die Teilnehmerinnen deshalb noch ein wenig verhalten.“ Doch bald öffneten sie sich, diskutierten lebhaft, nahmen die Energie mit, gründeten Facebook-Gruppen, um sich weiter auszutauschen. Auch Ulla Lenze nahm an einem der Workshops teil: „Obwohl der Irak eine sehr von Männern dominierte Gesellschaft ist, waren die Frauen in Basra sehr selbstbewusst und mutig“, sagt die Autorin. „Da ist etwas passiert, etwas Gutes, ein echter Dialog. Es waren die intensivsten Tage meines Lebens.“

Fundamentale Änderungen

Langsam bewegt sich etwas in der irakischen Literaturszene, sagt Amal al-Nusairi. Die berühmte Bagdader Mutanabbi-Straße, einst das pulsierende Zentrum des Buchhandels, lebt wieder auf. Drei der Teilnehmerinnen der Workshops haben eigene Bücher herausgebracht, die Frauen haben ein eigenes Büro in der irakischen Schriftstellergewerkschaft. „Das sind nicht nur kleine Schritte – das sind fundamentale Änderungen“, meint Leila Chammaa. Und laut al-Nusairi sind es tatsächlich vor allem die Frauen, die eine aktive Rolle spielen: „Auf der künstlerischen Ebene streiten sie viel aktiver für Veränderung als die Männer.“ Die seien oft wenig sensibel für die Zwischentöne, geschweige denn für die sich erst entwickelnde Rolle der Frauen. „Die Frauen möchten einfach Raum haben, sich frei und ungehindert auszudrücken.“ Das ist gar nicht so leicht – wer zu offen beispielsweise die Religion kritisiert, gerät ins Visier der Fanatiker.

Ulla Lenze, Leila Chammaa, Amal al-Nusairi und Claudia Kramatschek (vlnr) © Goethe-Institut

Ulla Lenze, Leila Chammaa, Amal al-Nusairi und Claudia Kramatschek

 

Auch deshalb eigne sich die Lyrik als kreative Form so gut, sagt al-Nusairi, da sie Raum biete, Dinge indirekt anzusprechen. Leila Chammaa, die viele der Texte der „Inana“-Anthologie ins Deutsche übersetzt hat, hält entgegen: „Ich finde, die Frauen schreiben sehr konkret, das hat mich auch gar nicht überrascht.“ Chammaa erklärt eher pragmatisch, warum die Lyrik die bevorzugte Form ist: „Poesie ist kurz und intensiv. Für Prosa braucht man Zeit und Strukturen, und beides gibt es im Irak derzeit nicht.“

Umso wichtiger für die Entwicklung sei, da sind sich die Teilnehmerinnen der Diskussion in Frankfurt einig, der Austausch, auf lokaler wie interkultureller Ebene. Auch deshalb unterstützt das Goethe-Institut die Workshopreihe in Basra und literarische Übersetzungen vom Deutschen ins Arabische und umgekehrt. Amal al-Nusairi und ihre irakischen Schriftsteller-Kolleginnen schätzen das sehr. Doch der Kern, das Wesen ihres Schreibens liegt noch tiefer, wie Leila Chammaa erklärt: „Sie schreiben aus ihrem Herzen, gegen die Gewalt. Sie schreiben für das Leben.“

 

Fotos: Christopher Resch

 

Copyright: Goethe-Institut Kairo
November 2016

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