„Am Steuer meines Lebens sitzen“

Posted on 29. September 2016

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Unternehmerin, Anwältin, Kämpferin für die Rechte der Frauen: Sofana Dahlan ist eine herausragende Persönlichkeit in Saudi-Arabien und eine der bekanntesten Frauen des Landes. Auf Einladung des Goethe-Instituts hat sie an einer Besucherreise nach Frankfurt, Berlin und Leipzig teilgenommen und dort mit Galeristen, Künstlern und Politikern diskutiert. Christopher Resch hat sie in der Leipziger Baumwollspinnerei getroffen.

[Originalfassung des Interviews, das leicht gekürzt im September 2016 bei Goethe aktuell erschien. Englische Fassung hier.]

 

Frau Dahlan, Sie haben als eine der ersten Frauen in Saudi-Arabien eine Zulassung als Anwältin bekommen. Wie haben Sie das geschafft?

Das war ein langer Weg, insgesamt hat er 13 Jahre gedauert. Er hat schon in der Schule begonnen, mit dem Gefühl, dass ich das Land verlassen und nie mehr zurückkommen wollte.

Wieso das?

Ich wollte die Welt erkunden, alles sehen, aber Saudi-Arabien gab mir nicht den Raum, Fragen zu stellen. Also habe ich Jura studiert, in Kairo. Nach vier Jahren hatten alle saudischen Männer meines Jahrgangs ihr Zertifikat, nur ich nicht. Man könne meinen Abschluss nicht anerkennen, weil es in ganz Saudi-Arabien keine Universität gebe, die Jura für Mädchen anbietet. Das war eine große Enttäuschung. Zu der Zeit bin ich nach Beirut gegangen, habe dort einen Master in Business Administration gemacht, geheiratet und anschließend in Kuwait als Rechtsberaterin angefangen. Aber am Ende war das alles nur eine Flucht aus Saudi-Arabien, immerhin war es mein Land! Also bin ich im Jahr 2011 zurück und habe in Djidda meine eigene Firma aufgemacht.

Tashkeil, ein incubator, also eine Art Gründerzentrum für Ideen aus dem kreativen Bereich.

Das Fundament von Tashkeil ist ein sozioökonomisches Modell. Es geht vor allem um capacity building, den Aufbau von Kompetenzen. Jeder Mensch muss natürlich einen Fundus an Wissen haben, aber er hat auch ganz individuelle Fähigkeiten. Diese muss man herausfinden und dann auf- und ausbauen. Die andere Säule ist soziales Crowdfunding, wodurch wir jungen Kreativen helfen, ihre ersten Projekte zu starten.

Was haben Sie mit Tashkeil erreicht?

Wir haben 60 Designer an den Start gebracht und über 200 unterstützt, von Pop-ups über richtige Ausstellungen hin zu Coachings. Seit 2011 haben über 10.000 Menschen an Workshops teilgenommen. Stellen Sie sich vor – wenn eine Teilnehmerin auch nur einen Satz mit nach Hause nimmt und ihrer Mutter oder ihrem Ehemann davon erzählt!

Richtet sich Tashkeil vor allem an Frauen?

Anfangs wollte ich Jura studieren, um Frauen dabei zu helfen, ihre Rechte wahrnehmen zu können. Es war also relativ eng gefasst. Weil ich nun aber diesen Einschränkungen unterlag, musste und konnte ich meine Perspektive erweitern und richte mich nun gleichermaßen an Frauen und Männer.

Aber den Plan, eines Tages Juristin zu werden, hatten Sie noch nicht aufgegeben, nicht wahr?

Richtig. Ende 2012 erließ der König ein Dekret, das es den Frauen erlaubte, als Anwältin zu praktizieren. Direkt am nächsten Morgen bin ich nach Riad geflogen. Als ich im Justizministerium ankam, war ich wahnsinnig aufgeregt. Ich ging hinein, sagte freundlich „Guten Tag“ und fragte, welche Papiere ich einreichen müsse, um als Anwältin anerkannt zu werden. Vor mir saßen vier bärtige Männer und einer von ihnen sagte: „In tausend Jahren nicht.“

Eine erneute Enttäuschung.

Ich war nicht einfach nur aufgebracht, ich war maßlos wütend. Ich bin dann acht Wochen lang jeden Dienstag um 6 Uhr morgens ins Flugzeug gestiegen und stand pünktlich um 8.30 Uhr im Ministerium. Die ersten vier Besuche haben sie mich noch ignoriert. Aber man konnte sehen, wie sie immer frustrierter wurden, bevor mich dann irgendwann einer der Vier etwas rabiat beim Beten störte, ich in Tränen ausbrach und dadurch langsam Empathie füreinander einsetzte. Auf beiden Seiten. Als sie mich fragten, ob ich es nicht irgendwann leid sei, sagte ich natürlich „nein“ – und eines Tages habe ich dann tatsächlich mein Zertifikat bekommen.

Sie haben also durch Ihre Hartnäckigkeit den Prozess beschleunigt?

Ja, sie haben das beim Minister angestoßen. Natürlich wollte man die erste Anwaltslizenz nicht an eine Frau vergeben, die in Ägypten studiert hatte, also kamen vor mir noch zwei andere dran. Aber das war mir egal, ich war glücklich. Ich hatte es verdient.

Was macht Sie so stark, woher nahmen Sie die Kraft?

Ich glaube, jeder hat eine Art Rezept in sich. Die Frauen in unserer Familie sind sehr stark, und mein Vater hat mich unterstützt. Aber es gab auch Leid. Meine erste Tochter war krank, die Ärzte meinten, dass sie wohl sterben werde. Ich weiß nicht, wie sie es überlebt hat, aber heute ist sie zehn und kerngesund. So etwas macht widerstandsfähig und dankbar. Ich habe zwei Töchter, und ich wünsche mir ein besseres Saudi-Arabien für sie.

Was wäre ein besseres Saudi-Arabien für Ihre Töchter?

Ich möchte, dass sie als Frauen die gleichen Möglichkeiten haben. Ich will die ganzen Beschränkungen abbauen. Wissen Sie, ich habe meine Abaya nie als etwas gesehen, das man mir auferlegt, ich trage sie mit großem Stolz. Aber mir gefällt der Gedanke, es eher wie eine Garderobe zu sehen: All meine kulturellen Einschränkungen liegen vor mir und ich wähle diejenige aus, die zu mir passt. Natürlich hat es dann nichts Einschränkendes mehr, sondern ermöglicht es, zu wählen, Träume zu verwirklichen, die Gesellschaft zu öffnen.

Das Goethe-Institut hat im Februar den deutschen kulturellen Gastbeitrag für das Janadriyah-Festival in Riad organisiert. Sie haben schon mehrfach mit der in Djidda ansässigen Kulturmanagerin zusammengearbeitet. Was kann die interkulturelle Zusammenarbeit leisten?

Jede kulturelle Interaktion bringt uns näher zusammen. Bei aller Politik, allen Grenzen, allen Visa haben wir vergessen, dass wir uns am Ende so ähnlich sind. Die Sprache ist eine Hürde, ja, aber man kann sich wunderbar mittels Kunst oder Musik verständigen. Was wir von Ländern wie Deutschland brauchen, sind kulturelle Programme, um den jungen Leuten Gelegenheit zu geben, dazuzulernen und Erfahrungen zu sammeln. Es ist aber leider so, dass Saudi-Arabien nur wenige Besucher ins Land lässt.

Die andere Richtung wäre also erfolgversprechender – Saudis kommen für eine Weile nach Deutschland, zum Beispiel mit den Besucherreisen wie der, an der sie teilnehmen?

Ja, solche kulturellen Programme brauchen wir, und damit meine ich nicht nur hochrangige Gesprächspartner oder Reisen wie diese hier. Natürlich ist es großartig, eine Politikerin wie Claudia Roth zu treffen oder sich die Frankfurter Schirn anzusehen. Es geht aber viel einfacher auch darum, dass junge Saudis nach Deutschland kommen können, ihre ganz persönlichen Erinnerungen mit nach Hause nehmen und dort an Freunde und Familie weitergeben.

Manch einer im Westen glaubt, Ihr Land bestehe nur aus Wüste und verhüllten Frauen. Was würden Sie ihm sagen?

Ich höre immer wieder, dass wir saudischen Frauen nicht Autofahren dürfen. Ja, wir sollten am Steuer sitzen dürfen. Aber für mich ist es wichtiger, am Steuer meines eigenen Lebens zu sitzen. Meine Nation sollte organisch wachsen, in einer Geschwindigkeit, die sie sich leisten kann. Das braucht Zeit. Ich glaube nicht an Revolution, ich glaube an Evolution.

 

Das Interview führte Christopher Resch. Er lebt als freier Journalist in Leipzig und schreibt vor allem zur (politischen) Kultur der arabisch-islamischen Welt.

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