„Kulturarbeit zu machen, lohnt sich“

Posted on 15. September 2016

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Der Nahe Osten ist von gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen geprägt wie keine andere Region. Im Interview mit Christopher Resch erzählt Gabriele Becker über sechs turbulente Jahre Ägypten und welche Rolle der kulturelle Austausch für die Entwicklung der Zivilgesellschaft in der Region spielen kann.

[Dieses Interview ist am 15. August 2016 auf der Startseite des Goethe-Instituts erschienen.]

Frau Becker, Sie haben das Goethe-Institut Kairo in einer der aufregendsten Phasen seines Bestehens geleitet. Wie wirkte Ägypten auf Sie, als Sie Ende 2010 nach Kairo kamen?

Als ich 2010 von New York nach Kairo kam, war nicht vorauszusehen, dass im Lande eine solch bahnbrechende Veränderung stattfinden würde. Ich hatte natürlich über den Fall des jungen Khaled Said gelesen, der in Alexandria auf offener Straße zu Tode geprügelt wurde. „Wir sind alle Khaled Said“ wurde dann einer der Slogans der Revolte. Aber das hat man zunächst als Einzelfall abgetan. An der Oberfläche war nicht zu erkennen, dass solch ein Umbruch geschehen würde.

Die Entwicklung hat also alle überrascht?

Das war jedenfalls mein Eindruck. Die „Bewegung 6. April“ zum Beispiel existierte ja schon seit mehreren Jahren. Das Besondere im Januar 2011 war, dass sich auf dem Tahrir-Platz die unterschiedlichsten Strömungen und Gruppierungen versammelt hatten. Die Unzufriedenheit und der Frust waren bei ganz verschiedenen Menschen und aus sehr unterschiedlichen Gründen vorhanden. Das hat sie alle auf diesem Platz zusammengebracht.

In dieser Zeit entstand auch das Goethe-Projekt, das wohl am stärksten in die Gesellschaft hinein wirkt: die Tahrir Lounge. Was haben Sie hier erreicht?

Das ist wirklich phänomenal – ich habe manchmal den Eindruck, die Tahrir Lounge ist bei jungen Leuten noch bekannter als das Goethe-Institut selbst. Unmittelbar in der Nähe des Tahrir Platzes gelegen steht die Tahrir Lounge für einen Ort, an dem ein freier Austausch erfolgen kann, an dem man etwas lernen kann, an dem zivilgesellschaftliche Aktivitäten durchgeführt werden. Aus meiner Sicht ist einmalig, in welch kurzer Zeit die Programme der Lounge einen solchen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad erreicht haben. Deswegen möchten wir dieses Projekt auch unbedingt fortsetzen. Die Leute, die hierher kommen, sehen: Es gibt viele junge Menschen, die Hoffnung haben für die Zukunft und die in ihrem Land etwas bewegen möchten. In der Tahrir Lounge können sie sich dazu austauschen.

Welche weiteren Projekte würden Sie herausstellen?

Ein weiteres wichtiges Projekt, das in dieser Zeit entstanden ist, ist das „Cultural Innovators Network“, ein Netzwerkprojekt, das wir mit sehr viel Energie und großem Einsatz angeschoben haben. Das Besondere daran ist, dass es euromediterran ausgerichtet ist. Es sind also nicht nur junge Leute aus Nordafrika und dem Nahen Osten dabei, sondern auch viele aus den europäischen Mittelmeeranrainern, vor allem aus Südosteuropa. Ich glaube, dass so ein Netzwerk ganz stark dazu beitragen kann, sich besser kennenzulernen und dass es ein Gegenpol zur Islamophobie sein kann, die sich momentan angesichts der unsäglichen Anschläge breitmacht. Wenn hier junge Muslime und Nichtmuslime miteinander an Projekten arbeiten, ist das der allerbeste Weg, Vorurteile abzubauen.

Ägypten durchlebt seit drei Jahren eine Phase der Repression und Kontrolle. Was verändert sich gerade für die Arbeit von Mittlerinstitutionen wie dem Goethe-Institut?

Wir merken die große Unfreiheit, die im Lande herrscht und die sich auf unsere Partner niederschlägt. Die Ägypter sind verunsichert, üben Selbstzensur, sind vorsichtiger in ihren Aktionen. Das beeinträchtigt uns in gewisser Weise auch. Auf der anderen Seite sind wir als Institution wichtiger denn je. Wie auch der DAAD oder die anderen deutschen Mittler und die europäischen Kulturinstitute sind wir Anlaufstelle und sicherer Ort für Individuen und Partnerorganisationen, mit denen wir zusammenarbeiten.

Sie haben auch schwierigere Themen wie die LGBT-Bewegung in Ägypten aufgegriffen. Warum ist es wichtig, dass sich das Institut an dieser Stelle so exponiert?

Wir glauben fest daran, dass wir solche Themen nicht ignorieren dürfen. Auch hier gibt es Menschen, die anders leben möchten als es die Konvention in einem Land wie Ägypten vorsieht, und ihnen bieten wir eine Plattform. Wir haben einen Artikel über die Situation von LGBT in Ägypten auf unserer Internetseite veröffentlicht, den über 8.000 Personen gelesen haben. Es gab in den sozialen Medien eine sehr heftige, kritische Diskussion, aber nur von einem kleineren Teil der Leute: Mehr als 8000 Leser haben den Artikel geöffnet, etwa 140 haben sich kritisch geäußert. Das zeigt mir, dass wir ein wichtiges Thema aufgegriffen haben.

Sie waren als Regionalleiterin für die gesamte Region Nordafrika-Nahost zuständig. Es gibt sicher einfachere Regionen im Gefüge des Goethe-Instituts – es gab das Janadriyah-Festival in Riad, bald kommt die Deutsche Saison in Doha. Was ist das Lohnenswerte an Kulturarbeit in dieser Region?

Genau das, was Sie eben erwähnt haben: Janadriyah, dieses Festival, in diesem Land – vor ein paar Jahren hat keiner geglaubt, dass man das hinbekommt. Das alleine ist schon fantastisch, da sind Dinge in Bewegung gekommen, die sich ohne so ein Festival und ohne unseren Beitrag dort noch nicht entwickelt hätten. Ich hoffe und glaube, dass die Deutsche Saison in Katar auch etwas bewirken kann und den interkulturellen Austausch voranbringt. In einer Region mit so vielen Hindernissen lohnt es sich noch viel mehr, Kulturarbeit zu machen, weil es so wichtig ist, wenn man etwas zustande bringt, wenn ein Projekt läuft, trotz aller Kompliziertheit.

Gabriele Becker hat Germanistik, Politik und Geschichte studiert und war seit 1981 für das Goethe-Institut mit Stationen in Khartoum, Berlin, New York, Prag und München tätig. Als Leiterin der Region Nordafrika-Nahost lebt sie seit 2010 in Kairo.

Das Interview führte Christopher Resch. Er lebt als freier Journalist in Leipzig und schreibt vor allem zur (politischen) Kultur der arabisch-islamischen Welt, über Medien und aktivistische Szenen.

 

Foto: Bernhard Ludewig / Goethe-Institut

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