Omar Souleyman: Bahdeni Nami

Posted on 14. Juli 2016

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Stuart Sevastos - Omar Souleyman @ Beck's Music Box (5/3/2011) / https://www.flickr.com/photos/stusev/5519121398/ / cc-by-20

Omar Souleyman hat nur Liebe für mich. Schmachtende, romantische Poesie, und den Vierviertel-Bumms, wie es sich gehört für einen syrischen Hochzeitssänger, der auf der Bühne gerne mal live Gedichte einspricht und über 500 Dabke-Alben veröffentlicht hat.

[Foto: Stuart Sevastos, https://www.flickr.com/photos/stusev/5519121398/, CC-BY-20]

Dabke ist ein Folklore-Tanz, wie er in Syrien bekannt ist, vor allem bei Hochzeitsfesten. Und Ladeneröffnungen. Elf Jahre ist es her, ein Herbsttag in Damaskus. Lebensmittelvergiftung. Ich habe mir seit fünf Tagen die Seele aus dem Leib gekotzt. Am sechsten Tag raffe ich mich auf, ich bin schließlich in Damaskus, und Damaskus war wunderschön damals. Ich schleppe mich durch die Altstadt, an der Stadtmauer entlang. Super ist es hier, denke ich, ich will in mein Bett – doch dann: eine Ladeneröffnung. Und eine Riesenparty davor. Die Leute sehen mich, freuen sich tierisch, sind wirklich supernett, drücken mir Süßigkeiten in die Hand – es ist allen Ernstes ein Süßigkeitenladen – und wollen mich tanzen sehen. Dabke ist angesagt! Heppa, heppa, laut ist es, Schwerter kreuzen sich im Takt, und ich mittendrin, mir ist speiübel, doch ich muss tanzen, ich kann doch jetzt nicht den freundlichen Syrern vor ihren Süßigkeitenladen kotzen! Am Ende schaffe ich es heil aus der Nummer raus und habe meine erste Erfahrung im Dabke-Tanz. Es muss fürchterlich ausgesehen haben.

Im Gegensatz zu Omar Souleyman. Der weiß, was er tut, bringt in steter Folge Alben seiner Hochzeitsmusik heraus, meistens auf Kassette, als Geschenk für die Brautpaare. Jetzt hat der bald 50-Jährige einen weiteren Coup laufen, und natürlich wird sein neues Album „Bahdeni Nami“ auch auf Kassette veröffentlicht: Auf dem Modeselektor-Label Monkeytown, produziert von den beiden Modeselektoren selbst, Four Tet und Legowelt. Ganz so überraschend ist das nicht. Four-Tet-Mastermind Kieran Hebden hat schon vorher mit Souleyman gearbeitet, ebenso Björk.

Die Frage ist: Hält der heiße Scheiß, was er verspricht? Oder finden wir den gehypten, exotischen Syrer nur gut, weil er ein gehypter, exotischer Syrer ist, und suchen heimlich nach dem einen tanzbaren Techno-Track? Denn ein treibender Viervierteltakt, redundante Rhythmen, ab und an Vocals, das muss doch Techno sein. Oder wenigstens House?! Das kann man uns ungeübten, westlichen Ohren doch nicht vorwerfen.

Mal reinhören.

„Mawal Menzal“, der erste Track, erinnert ein bisschen an den halbgottartigen Oriental Dub von Baba Zula aus Istanbul. Der Song klingt langsamer, sphärischer als die früheren Tracks, ich könnte mich dran gewöhnen, an diesen gechillten Dub – und dann, flutsch, schüttet mir Omar Souleyman sein Gläschen Tee ins Gesicht. „Mensch Junge, das ist doch nur ein Mawal, ein musikalischer Einstieg, richtig los geht’s erst jetzt!“ Und ehe ich „Mawal“ auf Wikipedia nachgeschlagen habe, sind schon vier Minuten des Titeltracks „Bahdeni Nami“ vergangen. So rauscht das Album an mir vorbei, hypnotisch, hektisch.

Die beiden von Modeselektor produzierten Tracks pumpen eine gehörige Ladung Speed in die Hochzeitsmusik, beim langsameren „Darb El Hawa“ ist es dann eher ein wenig aus einem Wüsten-Mutterkorn gewonnenes LSD. Am Ende kann man das alles irgendwie stundenlang hören. Man kann es aber auch bleiben lassen. Wobei, da ist ja noch ein Track, produziert von Danny Wolfers aka Legowelt. „Was soll ich anderes machen, ich bin schließlich Holländer“, hat sich Wolfers wohl gedacht und „Bahdeni Nami“ nochmal auf eine ganz andere, trippig-trancig-acid-mäßige Schiene gehoben. Ich kann mir gut vorstellen, dass man die Tanzfläche gegen halb 6 am Morgen damit ganz schön schicken kann. Diese Holländer, hui.

Noch ein zweites Mal das Album auf die Ohren, und das Gefühl bleibt: Alles ganz fetzig, aber es bräuchte noch ein bisschen mehr Wumms, um es richtig geil zu finden. Ein bisschen mehr Verwestlichung. Natürlich ist das überhaupt nicht Omar Souleymans Ziel. Der zieht sein Ding durch, wie er es immer getan hat, und im Grunde tun seine europäischen Produzenten auch gut daran, die Musik im Großen und Ganzen so zu lassen, wie sie ist. Trotzdem fehlt nach einer Weile das Tanzbare, das Mitreißende. Die Tracks ähneln sich stark, gehen fast ineinander über. Auch im Vergleich zum ersten Studioalbum „Wenu wenu“ ist nichts wirklich Überraschendes dabei. Was ist es dann, warum wird seine Musik so gehypt?

„Die Tankstellen-  und Hochzeitsmusik aus der arabischen Welt wird sowohl dort als auch im Westen immer mehr zur Hipster-Musik, das zeigt sich bei Omar Souleyman aus Syrien und auch bei den Mahragan-MCs oder dem virtuosen Keyboarder Islam Chipsy aus Ägypten“, sagt der Schweizer Musik-Ethnologe Thomas Burkhalter. „Vor ein paar Jahren noch rümpften die genau gleichen Hipster ihre Nasen ob dieser Musik, und die kulturellen Eliten kritisierten sie als Trash und Kitsch. Das ist, wie wenn der Musikantenstadl plötzlich zum globalen Trend würde.“

Entdeckt hat Omar Souleyman der umtriebige Mark Gergis auf einer seiner Syrienreisen um das Jahr 2000 herum. Gergis arbeitet auch für das US-Label Sublime Frequencies, das dem noch umtriebigeren Alan Bishop gehört. 2007 hatte dieser genug Tracks beisammen und veröffentlichte das Album „Highway to Hassake“. Hassake ist die Gegend im Nordwesten Syriens, aus der Omar Souleyman stammt – und in der er seit 1994 bekannt, fast berühmt wurde. Sein Fachgebiet: Die Menschen mit stampfendem, frenetischem Vierviertelsound zum Ausrasten zu bringen.

Allerdings tanzen die meisten Menschen in Syrien, Irak, dem Libanon oder der Türkei dazu nicht wie in deutschen Technoclubs mit geballter Faust rechts und Bier in der Linken. Sie tanzen den Dabke, den flotten Reihentanz mit Anfassen, aber das klingt viel blöder, als es aussieht – nämlich nach großem, großem Spaß. Ein typisches Instrumenten-Setup besteht aus der Darbuka, einer im Nahen Osten weit verbreiteten Trommel, und der Langhalslaute Saz. Bei Omar Souleyman kommen viele der Sounds synthetisch aus dem Keyboard.

Im Video zum Titeltrack des neuen Albums fährt er in der türkischen Grenzregion zu Syrien umher, mit einer neu aussehenden Kia-Familienklitsche. Er trägt eine schwarze Styler-Sonnenbrille, trinkt beim Fahren aus seinem Teegläschen, schaut aufs Handy, raucht und läuft ab und zu an einem Geröllhang umher. Das ist im Grunde alles. Dazu singt er recht unemotional Zeilen wie „Würdest du fest in meinen Armen schlafen, der Kuss deiner Lippen würde meine zum Schmelzen bringen“.

Hipster, Hochzeiten, Keyboards, Folkloretänze – für westliches Stilempfinden geht das kaum zusammen. Allzu lange anhalten wird der Hype wohl kaum, trotz des Engagements der Strippenzieher von Modeselektor, des eingängigen Four-to-the-floor-Rhythmus, der Björk- und Four-Tet-Features, der Exotik, aus einem unendlich traurigen Bürgerkriegsland zu kommen. Aber vielleicht ist das auch die falsche Frage. Der Grund, warum Souleyman gerade so abgeht, ist: Weil er abgeht. Weil er sich treu bleibt, weil er eine coole Sau ist, weil er das macht, was er mag und gut kann. Das allerdings wird den westlichen Hipstern und ihrer verkürzten Coolness-Aufmerksamkeitsspanne nicht reichen.

Man möchte gern mit ihm an einen schattigen Nachmittag Shisha rauchen, die in Syrien Argileh heißt, wortkarg Tee trinken und den Mädchen hinterhersinnen. Am liebsten in Damaskus oder Aleppo, denn dort gehört seine Musik hin. Dort wie sie geliebt und geschätzt, nicht nur gehypt.

 

 

 

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