Stefan Winkler: Leise optimistisch

Posted on 17. September 2015

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„Auf lange Sicht optimistisch“ – Stefan Winkler im Interview

Stefan Winkler ist einer der besten Kenner der ägyptischen Kulturszene. Zuletzt war er beim Goethe-Institut Kairo als Koordinator für gemeinsame Projekte beschäftigt. Diese Projekte haben zum Ziel, den gesellschaftlichen Wandel in den Ländern der Arabischen Region zu unterstützen und werden vom Auswärtigen Amt gefördert. Zuvor leitete er das Goethe-Institut in Alexandria. Nach insgesamt acht Jahren in Ägypten kehrt er dem Land am Nil nun den Rücken. Im Gespräch mit Christopher Resch schaut Winkler auf die vergangenen Jahre zurück, spricht über Probleme und Möglichkeiten von Künstlern und Künstlerinnen und darüber, welche Chancen Kultur- und Bildungsprojekte den Menschen in Ägypten ermöglichen können.

[Das Interview erschien zuerst beim Goethe-Institut Kairo. Arabische Übersetzung hier.]

Herr Winkler, verlassen Sie ein sinkendes Schiff?

So würde ich das nicht sagen. Wenn man sich die Zeitlinie anschaut, war der Freiraum, der mit der Revolution entstanden ist, ungeheuer. Den haben die Künstler genutzt, die Zensur war plötzlich nicht mehr vorhanden. Irgendwann ging es aber zurück zu einer „Normalität“, wie sie vor der Revolution herrschte. Dann kam Mursi an die Macht und die Kulturakteure befürchteten, dass nun viele Dinge nicht mehr möglich sein werden, dass alles religiöser und islamistischer wird und viele Dinge plötzlich verboten werden.

War das so?

Mursi hatte damals ganz andere Prioritäten, der Kultursektor war erst einmal ganz weit hinten auf der Agenda. Als plötzlich ein neuer Kulturminister ernannt wurde, der mutmaßlich islamistische Tendenzen hatte, haben sich die Kulturakteure zusammengetan und 24 Stunden am Tag über Wochen hinweg vor dem Sitz des Ministers – man kann nicht sagen, sie hätten demonstriert, sondern sie haben Kulturarbeit gemacht: Performances, Musik, Konzerte, Dichterlesungen. Dadurch haben sie verhindert, dass der Minister zu seinem Amtssitz kam und überhaupt sein Amt antreten konnte.

Wie ging es nach Mursis Absetzung durch Abdel Fattah al-Sisi, den jetzigen Präsidenten, weiter?

Auch dann gab es erst einmal andere Prioritäten als Kultur. Die nationale Begeisterungswelle für das Projekt von Sisi hat andere Stimmen in den Hintergrund gedrängt. Ein ganz wichtiges Zeichen dafür war die Absetzung der von sehr vielen Menschen gesehenen Satireshow von Bassem Youssef. Politsatire war nicht mehr erwünscht, kritische Töne aus dem Kulturbereich auch nicht mehr.

Hat sich das bis heute noch verschärft?

Es ist sehr schwer, die Situation einzuschätzen, es gibt pessimistischere und optimistischere Stimmen. Die Situation für Künstler war schon einmal besser, das ist richtig. Einschränkungen und Zensur haben wieder zugenommen, zum Beispiel hat der bekannte Grafik-Künstler Ganzeer das Land verlassen, weil er im Fernsehen angegriffen wurde. Ein Theaterstück von Sondos Shabayek wurde vor kurzem zumindest temporär abgesetzt, da ging es um Sexualität, das war den Verantwortlichen zu freizügig.

Und die optimistischeren Stimmen?

Es gibt in der Kultur immer noch einen gewissen Freiraum, viele Künstler haben ihre Nischen und Methoden, sie lassen sich nicht unterkriegen. Vor allem die junge Generation ist durch das Internet extrem gut vernetzt. Das hat zwar auch der Staat erkannt und schon mehrfach angekündigt, dass die sozialen Netzwerke stärker kontrolliert werden. Aber so eine umfassende Kontrolle funktioniert in Ägypten nicht mehr, dafür ist der Zug lange abgefahren. Man kann natürlich Exempel statuieren, Leute herausgreifen, wie damals unter Mubarak den Blogger Karim Amer, der ins Gefängnis musste, weil er sich in seinem Blog kritisch zu Religion geäußert hatte. Solche Methoden sind effektiv, weil sie die Menschen verängstigen. Die Ankündigung des Staates, Leute zu verfolgen, die in den sozialen Netzwerken zum Beispiel Atheismus verbreiten oder angebliche sexuelle Perversionen, birgt schon eine sehr reale Gefahr.

Geht die Regierung explizit gegen Künstler vor, oder trifft es momentan vor allem die politischen Aktivisten wie Alaa Abdel-Fattah?

Nein, dazu muss man schon sehr politisch sein. Das ist ja auch eine zweischneidige Sache, die die Zensoren immer noch nicht ganz verstanden haben: In dem Moment, in dem sie ein Buch oder einen Film verbieten, wächst das Interesse natürlich immens. Einschränkung der Meinungsfreiheit hin oder her, jedes Buch, das auch in digitaler Form vorliegt, ist heutzutage auch greifbar.

400 Exemplare von „Walls of Freedom“ zum Beispiel, das einen Überblick über die ägyptische Street Art gibt, werden noch immer vom ägyptischen Zoll festgehalten. Angeblich stifte es zur Revolte an. Was soll an Street Art so gefährlich sein?

Street Art ist eines von mehreren Phänomenen, mit denen Leute aus dem Kultur- und Kunstbereich den öffentlichen Raum erobert haben. Es gab Performances auf den Straßen, Flashmobs in der Metro, Clowns, die durch die Straßen gezogen sind, aber durchaus politische Performances gemacht haben. Es gab Puppentheater mit politischen Anspielungen, Lesungen, Filmvorführungen, und, ganz wichtig, das Mosireen-Kollektiv. Das hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, und dann mit diesen Videodokumenten auf die Straßen und Plätze zu gehen, vor allem auch in die Vororte, um diese Informationen weiterzugeben.

Warum wurde gerade über Street Art so viel berichtet?

Im Westen ist schon ein gewisser Hype entstanden, Street Art ist eben leicht zugänglich, bunt, schrill und politisch relevant. Da ist auch sehr viel Humor dabei, wenn auf Plakaten steht: „Mubarak, geh nach Hause, ich muss noch zum Friseur.“ Insofern ist über Street Art vielleicht mehr berichtet worden als über das Mosireen-Kollektiv, das eher die Kärrnerarbeit gemacht und die brutalen Menschenrechtsverletzungen kommentiert hat. Als Konsument von Medien möchte man sich auch nicht permanent solchen Dokumenten aussetzen.

Von außen betrachtet, wirkt es manchmal so, als sei die Revolution der Katalysator für den Aufschwung der ägyptischen Kunst- und Kulturszene. Ist das so?

Ich war eher überrascht über die Kommentatoren, die gesagt haben: Schaut mal nach Ägypten, die haben jetzt sogar Graffiti! Es hat auch vor der Revolution sehr spannende Entwicklungen im Kulturbereich gegeben. Natürlich haben dann die Revolution und das politische Vakuum dafür gesorgt, dass sich die Künstler viel stärker ausdrücken konnten und wahrgenommen wurden. Sie haben einfach die neuen Freiräume besetzt, virtuelle, aber auch reale, die vorher schwer zugänglich waren.

Findet im gegenwärtigen Ägypten moderne oder gar avantgardistische Kunst überhaupt einen Nährboden?

Da muss man unterscheiden. Wir als Goethe-Institut arbeiten mit den freien Szenen und mit unabhängigen Initiativen zusammen, aber auch mit dem staatlichen Sektor. Die staatlichen Kultureinrichtungen setzen eher auf das Bewährte und Repräsentative, auf das, was bei keinem aneckt, aber dadurch auch weniger Anstöße zum Weiterdenken gibt. Es gibt aber Gegenbeispiele: 2014 hatten wir das Internationale Filmfestival in Kairo, das staatlich organisiert und finanziert wird, und das war ganz fantastisch. Man kann also, wenn man will.

Hat auch die Bevölkerung außerhalb der Städte Zugang zu Kultur?

In den Provinzen sieht es leider etwas traurig aus, weil es zwar überall Kulturpaläste gibt, die ihre Funktion aber nicht erfüllen, weil sie über keine angemessenen Budgets verfügen und seit vielen Jahren und Jahrzehnten nicht renoviert wurden. Da ist es schwierig, angemessen Kulturarbeit zu machen. Das ist im Kulturministerium aber bekannt. Glücklicherweise können wir über unsere Robert-Bosch-Kulturmanager kulturelle Aktivitäten in den Provinzen anbieten.

Gibt es da Hoffnung auf Besserung?

Der neue Kulturminister ist noch ein unbeschriebenes Blatt, der bisher in diesem Bereich nicht groß in Erscheinung getreten ist. In Ägypten gilt es bei so einem Wechsel immer eine sehr lange Durststrecke zu überwinden, weil das Ministerium und die staatlichen Stellen erst einmal abwarten, in welche Richtung es mit dem neuen Minister geht. Das merken wir natürlich in der Zusammenarbeit, weil immer ein gewisser Stillstand eintritt.

Welche Rolle kann ein ausländisches Kulturinstitut wie das Goethe-Institut hier spielen?

Wir als Goethe-Institut beschäftigen uns mit Kultur und Bildung. Beides sind entscheidende Bausteine in Umbruchsprozessen, weil Künstler diese kommentieren, reflektieren, dokumentieren und Leute zum Nachdenken anregen. Wir wollen Leute im Kulturbereich qualifizieren, zur Vernetzung beizutragen, junge Leute aus verschiedenen Ländern zusammenzubringen und Mobilität ermöglichen. Das ist ganz wichtig – jungen Leuten die Möglichkeit zu geben, mit anderen, die in ihren Kulturbereichen relevant sind, ins Gespräch zu kommen, oder ihre Filme auf Festivals vorzustellen. Außerdem Partizipation: Wie kann man den vielen jungen Leuten ermöglichen, sich selber aktiv in den Prozess einzubringen, ihre Länder mitzugestalten, ihre Wünsche und Visionen zu realisieren?

Ägypten ist ein armes Land mit großen wirtschaftlichen Problemen, was können Kultur- und Bildungsprojekte da überhaupt erreichen?

Wir wissen ja heute, dass Kultur nicht mehr nur die Kirsche auf der Sahnetorte ist, ein Luxusgut, um das sich der Bildungsbürger kümmert, wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind. Nein, Kultur ist ein sehr früher und sehr wichtiger Bestandteil der menschlichen Entwicklung. „Kultur und Entwicklung“ ist ein Bereich, den das Goethe-Institut in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut hat, diese Ausrichtung findet in den Projekten im Schwerpunkt „Dialog und Wandel“ ihre Anwendung: Qualifizierung für Kulturberufe, Förderung der Mobilität, Unterstützung der Partizipation junger Menschen in ihrer Gesellschaft, Vernetzung mit gleichgesinnten jungen Gestaltern im Mittelmeerraum – unser „Cultural Innovators Network“ – und kulturelle Bildung. Das sind einige der Arbeitsfelder in Ägypten und anderen arabischen Ländern, die da ansetzen, wo Bedarf besteht: bei Kindern, Jugendlichen und jungen Berufstätigen. Kindern muss schon die Möglichkeit gegeben werden, am kulturellen Leben – am Leben – teilzunehmen, dass sie malen, zeichnen, Musik hören und machen, tanzen oder sich über Rollenspiele in andere Leute hineinversetzen. Junge Menschen müssen ihre Stimmen zu Gehör bringen dürfen, wie es die Tahrir Lounge macht, ein autonom organisiertes Projekt unter dem Dach des Goethe-Instituts. Das sind Grundelemente von Kultur und Bildung.

Wie ist Ihr Resümee nach insgesamt acht Jahren Ägypten?

Da streiten zwei Gefühle wider. Auf der einen Seite sehe ich viele Leute, die ernüchtert und frustriert sind, Ägypten verlassen wollen oder schon haben. Menschen, die ihre Visionen, Hoffnungen und Träume verloren haben. Ich sehe aber auch immer wieder junge Leute, die sagen, klar ist die Situation nicht so, wie wir es uns gewünscht haben, aber die Freiheiten, die wir gewonnen haben, lassen sich nicht so leicht wieder abgeben. Die Vernetzung, das Interesse am Austausch von Informationen über die virtuellen Netzwerke ist so gigantisch wie nie zuvor. Wie will man das lückenlos kontrollieren? Trotz der Ernüchterung bin ich deshalb auf lange Sicht optimistisch. Man darf ja eines nicht vergessen, wenn man über Ägypten redet: Es gibt eine permanente Bewegung und Entwicklung. Ein heute 14-Jähriger in Ägypten weiß weitaus mehr Bescheid über politische Strukturen und Entwicklungen, international und lokal, als möglicherweise ein Hochschulabsolvent vor 20 Jahren. Und das gibt mir wieder Hoffnung.

Das Interview führte Christopher Resch. Er lebt als freier Journalist in Leipzig und schreibt vor allem zu Kunst und Kultur aus der arabischen Welt.

Die im Artikel vertretenen Meinungen sind Einschätzungen von Stefan Winkler, geben aber nicht notwendigerweise die Meinung des Goethe-Instituts wieder.

Copyright: Goethe-Institut Kairo, September 2015

Foto: Ein Wandbild in der Qasr al-Nil-Straße, Richtung Tahrir-Platz (Foto CR)

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