Zur Rettung seiner Seele

Posted on 22. April 2015

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„Überzeugter Nationalsozialist“ sei er gewesen. Ein strammer Rechter, ein „Erz-Nazi“ mit „absoluter Loyalität zum nationalsozialistischen Staat“. Schwere Geschütze, die spätere Forscher gegen Hermann Grapow aufgefahren haben. Grapow (1885-1967) war ein deutscher Ägyptologe, in wissenschaftlichen Kreisen hochgeschätzt für seine Mitarbeit am Wörterbuch der ägyptischen Sprache, zugleich aber auch Beispiel für die politische Belastung des Fachs im „Dritten Reich“. Der Ägyptologe und Wissenschaftshistoriker Thomas L. Gertzen hat nun ein Buch vorgelegt, mit dem er den Bereich zwischen diesen beiden Sichtweisen ausleuchten will.

[Erschienen am 10. April 2015 in der taz, PDF der Druckausgabe hier.]

Am vergangenen Donnerstag stellte er das im Kulturverlag Kadmos erschienene Werk „Die Berliner Schule der Ägyptologie im „Dritten Reich“ – Begegnung mit Hermann Grapow“ in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vor. Gertzens Vortrag bildete den Abschluss eines Kolloquiums zum Thema. Die These: Der „nationalsozialistische Ägyptologe“ schlechthin war er gar nicht, zumindest gibt es keine hinreichenden Belege dafür. Gertzen geht es um die Methodik: Was nicht einwandfrei belegt werden kann, muss nicht stimmen. Im Zweifel für den Angeklagten. Im Kern geht es um die Frage, wie stark die Ägyptologie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 von diesen beeinflusst wurde.

Hermann Grapow erscheint bei Gertzen zwar als Profiteur: Nachdem er 1937 in die NSDAP eingetreten war, wurde er schon ein Jahr später zum ordentlichen Professor ernannt, 1943 zum Prorektor der Berliner Universität. Von 1943 bis 1945 war er Vizepräsident der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Zugute kam ihm dabei sicher, dass ab 1938 jüdische Forscher konsequent ausgeschaltet worden waren. Eine eindeutige Verbindung zwischen Grapows Parteieintritt und seiner Beförderung findet sich laut Gertzen in den Quellen aber nicht. Die Nähe zum Nationalsozialismus sei für ihn in erster Linie ein Vehikel im Wissenschaftsbetrieb gewesen – und nebenbei auch recht hilfreich für die Eintreibung von Drittmitteln.

Während des Kolloquiums hatte die Ägyptologin und Archäologin Susanne Voss zwar beschrieben, dass „die völkische Weltanschauung auch in der deutschen Ägyptologie ein eigenes Forschungsfeld herausgebildet hat, dessen Ergebnisse den Anschluss des Fachs an das nationalsozialistische Geschichtsbild erleichterten.“ Gerade Grapow sei jedoch kein Beispiel für die Anbiederung an den Nationalsozialismus.

Mit einer Ausnahme. 1940 hatte der belgische Ägyptologe Jean Capart in einem Nachruf auf den verstorbenen jüdischen Fachkollegen Adolf Erman dessen Verfolgung kritisiert. Als Grapow davon erfuhr, denunzierte er Capart indirekt bei Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Leiter der Gestapo. Die Deutschen hatten Brüssel besetzt und verhörten Capart umgehend. Der konnte, was den Vorwurf der Deutschfeindlichkeit betraft, zwar seinen Kopf aus der Schlinge ziehen – doch Grapow legte nach: Er sei „von der Harmlosigkeit Herrn Caparts in dieser Sache nicht überzeugt“.

Einen weitere kollegiale Feindschaft bestand mit Georg Steindorff, der bis zu seiner Emigration in die USA 1939 einer der herausragenden deutschen Ägyptologen war: Steindorff hielt Grapow für einen fanatischen Nazi, für einen der „schlimmsten wissenschaftlichen Verbrecher“. Grapows negatives Bild beruhe stark auf diesen Angriffen, sagt Gertzen. Konkrete Anschuldigungen äußere Steindorff jedoch nicht. Allerdings sei er, der große alte Mann der Berliner Schule, ab 1938 aus der deutschen Ägyptologie gedrängt worden. Erklären sich die heftigen Nazi-Vorwürfe also einfach aus persönlicher Abneigung?

„Dixi et salvavi animam meam – ich sage dies zur Rettung meiner Seele“, so hat Thomas L. Gertzen seinen Vortrag überschrieben. Dass die Seele Hermann Grapows vielleicht doch dem Nationalsozialismus gehörte, scheint dem nichtwissenschaftlichen Betrachter recht eindeutig. Allein, die Belege fehlen.

Thomas L. Gertzen: Die Berliner Schule der Ägyptologie im „Dritten Reich“. Begegnung mit Hermann Grapow (1885–1967), Kulturverlag Kadmos, Frühjahr 2015, 144 Seiten gebunden, 19,90 €

Beitragsbild: Wikimedia Commons

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Posted in: taz