„Hier gibt es keine Gerechtigkeit“

Posted on 5. März 2015

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Die FilmemacherInnen Jasmina Metwaly und Philip Rizk kritisieren mit ihren Arbeiten Ausbeutung und Korruption in Ägypten. Das ist gefährlich.

[Der Artikel ist am 4. März 2015 in der taz erschienen. PDF der Printversion hier.]

Konzentriert stehen die beiden auf der Bühne in Berlin, in ihren Augen liegt ein tiefer Ernst. Philip Rizk und Jasmina Metwaly haben gerade über die Macht der Bilder während der ägyptischen Revolution gesprochen und dazu ihre Videos gezeigt: blutende Schusswunden, mit Steinen und Gaskartuschen übersäte Straßen, zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. Nun beantworten sie die Fragen des Publikums. Rizk und Metwaly haben keinen Platz für Ironie oder ein Lächeln, denn ihre Botschaft ist Sprengstoff für die ägyptische Regierung: „Die Revolution wird wiederkommen“, sagt Rizk, „sie ist wie eine Welle, die alles wegspült und niemanden unberührt lässt.“

Solche Aussagen sind riskant im derzeitigen Ägypten. Auch wenn sie im fernen Deutschland während der Berlinale getätigt werden. Auf dem Filmfestival haben Jasmina Metwaly und Philip Rizk, beide 32, im Februar ihre Dokumentation „Out on the Street“ vorgestellt. Darin zeigen sie die von Ausbeutung und Korruption begleitete Abwicklung einer Stärkemehlfabrik in Helwan, einem Arbeitervorort von Kairo. Allerdings indirekt, auch aus Sicherheitsgründen: Die Regisseure luden zehn Laienschauspieler zu einem Theaterworkshop ein und ließen sie die Rollen der Arbeiter spielen.

Wenn einer der Akteure mit bebender Stimme schildert, wie er von einem ruppigen Beamten auf das Polizeirevier gebracht wird und dort ohne Anklage bis zum Abend ausharren muss, stellt sich dem Zuschauer unweigerlich die Frage: Schauspielert der so gut? Oder hat er so etwas gar schon selbst erlebt, mit einem anderen Beamten, in einer ähnlichen Polizeistation?

Durch die wenigen Requisiten und eine teils wacklige Videoästhetik tritt der Kampf der Arbeiter noch stärker in den Vordergrund: „Es geht immer um Ausbeutung und systematische Korruption, um die Auswirkungen eines Kapitalismus, der sich immer tiefer in das Leben der Menschen einschreibt“, erklären Rizk und Metwaly. Wer wie die beiden über soziale Ungerechtigkeit in Ägypten spricht, befasst sich stets auch mit einem weiteren Thema – dem Militär, das Land und Leute in seinem eisernen Griff hält. Der Militärapparat kontrolliert die Wirtschaft des Landes am Nil, er unterhält zahllose Fabriken für militärische und zivile Güter, Tankstellen und sogar Bäckereien. Je nach Schätzung machen die Firmen des Militärs bis zu 30 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus.

Die kritischsten Stimmen unter den ägyptischen Aktivisten sammelten sich lange Zeit bei „Mosireen“, einem 2011 gegründeten Video- und Bürgerjournalistenkollektiv. Auch Jasmina Metwaly und Philip Rizk sind Teil des Kollektivs. Metwaly hat eigentlich einen künstlerischen Hintergrund, Rizk arbeitete vor der Revolution journalistisch.

Regime im Nacken

Sie besorgten sich eine Kamera und fingen an, die Übergriffe auf Demonstrationen zu filmen, um zu beweisen, wie aus den Reihen der Polizei scharf geschossen wurde. Eine gefährliche Arbeit: Den berüchtigten „eye sniper“, den Scharfschützen, der im November 2011 in der Kairoer Mohamed-Mahmoud-Straße bewusst auf die Augen der Demonstranten zielte, verstanden sie als direkten Angriff auf Mosireen. Das Regime ist sich der Kraft der Bilder, der sehenden Augen, sehr wohl bewusst.

Die Regierung und das Militär als Garant der Macht sind stark in den Strukturen der Mubarak-Zeit verhaftet. Um die alte Ordnung wiederherzustellen, ist es aus ihrer Sicht notwendig, die Revolution vom 25. Januar 2011 umzudeuten: Das Militär habe stets im Hintergrund die Fäden gezogen, schließlich wisse es am besten, was das Volk braucht.

Dagegen wenden sich die Aktivisten von Mosireen und veröffentlichen Videos und Bilder aus den Tagen der Revolution. Der Polizeistiefel, der das berühmt gewordene „Mädchen im blauen BH“ brutal in die Brust tritt, Folterungen im Ägyptischen Museum, Jungfräulichkeitstests – alles reale Verbrechen, die das Militär begangen oder zumindest geduldet habe, sagen die Aktivisten.

Doch der Kampf ist mühsam. „Die aktuelle Situation ist schlimmer als zu Mubaraks Zeiten, es gibt viel mehr Folter und Gewalt“, erklärt Philip Rizk. Das Narrativ des Regimes ist simpel: Die terroristische Muslimbruderschaft bedrohe das Land, und nur das Militär könne für Stabilität und Sicherheit sorgen.

Grundrechte wie Versammlungs- und Medienfreiheit ordnet die Regierung dabei dem „war on terror“ unter, den sie in den ägyptischen Kontext übersetzt und dramatisch verschärft hat. Mosireen als Kollektiv wendet sich gleichermaßen gegen das Militär und die Muslimbrüder: Die einen wollten die alten Strukturen zurück, die anderen das Land mit religiösen Vorschriften überziehen. Machtversessen seien sie beide. Auf eine konkrete politische Agenda lassen sich die Aktivisten dabei nicht ein – sie sind Basisdemokraten, die ihre Aufgabe vor allem darin sehen, den Ägyptern die Teilhabe am öffentlichen Diskurs zu ermöglichen. Deshalb bieten sie Film- und Videoworkshops an, kostenlos und auch außerhalb der großen Städte.

Gesetze gegen Proteste

Der kritische Ansatz der Mosireen-Aktivisten war häufig sehr direkt und radikal. Doch eine unausgesprochene Grenze wurde kürzlich von anderen übertreten: Ramy Essam, der auf dem Tahrirplatz berühmt gewordene „Sänger der Revolution“, und der international gefeierte Künstler und Grafiker Ganzeer haben aus dem sicheren Ausland ein Musikvideo veröffentlicht, das offen zur Gewalt aufruft: „Wenn die Maßstäbe der Justiz auf den Kopf gestellt sind, kann die Ehre nur mit Blut wiedergewonnen werden; wenn Steinewerfen nicht länger etwas bringt, ergeben Gewehre mehr Sinn.“

Ganzeers Kunst ist in dem Mitte 2014 erschienenen Buch „Walls of Freedom“ abgebildet, das die Geschichte der ägyptischen Revolution durch Werke der Street-Art-Künstler erzählt. Vor wenigen Tagen hat der ägyptische Zoll 400 Exemplare des Buchs beschlagnahmt, weil es laut Ministerium „zur Revolte aufhetzt“.

Künstlern und Aktivisten erscheint das als pure Willkür. Philip Rizk erfuhr die Unberechenbarkeit der Machthaber schon Anfang 2009, als er nach einer Pro-Gaza-Demonstration verhaftet wurde. Nach vier Tagen kam er wieder frei, auch weil er einen deutschen Pass besitzt. Auch seine Filmpartnerin Jasmina Metwaly hat eine zweite Nationalität, die polnische. „Das machte einen großen Unterschied, andere Leute kamen damals erst nach mehreren Wochen frei“, sagt Rizk. „Jetzt ist das anders, das zeigt der Al-Dschasira-Prozess, in dem auch ausländische Journalisten über ein Jahr festgehalten wurden. Alles ist im Moment in Ägypten ein Risiko.“

Vor allem demonstrieren: Seit Ende November 2013 ist ein drakonisches Protestgesetz in Kraft. Nur Tage zuvor war Philip Rizk noch auf der Straße und protestierte gegen die unter Präsident al-Sisi wieder aufgenommene Praxis, Zivilisten vor Militärgerichten den Prozess zu machen. „Die Leute, die bei diesem Protest eingesperrt wurden, haben allesamt 15 Jahre bekommen.“

Unter anderem Alaa Abdel Fattah, ein prominenter Blogger und Aktivist für Menschenrechte, der unter fast jeder Regierung im Gefängnis saß. Mittlerweile wurde er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Das Mosireen-Kollektiv schildert den Prozess, der Abdel Fattah und den anderen 24 Angeklagten gemacht wurde, in einem neuen Video. Darin heißt es: „Der Prozess ist ein deutliches Beispiel für die Verquickung von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht. Monate und Jahre werden diesen jungen Leuten gestohlen, weil es keine Gerechtigkeit in unserem Land gibt.“

Noch ist solche direkte, unmissverständliche Kritik möglich, wenn auch nur in Internetvideos – und vielleicht nicht mehr lange. Der ägyptische Staat hat sich laut Medienberichten bereits nach Technik zur Onlineüberwachung umgehört. Trotzdem, meinen Philip Rizk und Jasmina Metwaly, habe die Revolution von 2011 die Menschen gedanklich freier gemacht. Das müsse der Staat endlich akzeptieren. „Was man in den Medien nicht sieht: Die Demos gehen weiter, vor allem in den ärmeren Vierteln. Und diese Proteste werden immer angegriffen, jeden Freitag sterben da Menschen. 90 Prozent der Bevölkerung haben täglich Probleme, Brot auf den Tisch zu bekommen. Das wird irgendwann explodieren.“

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Posted in: taz