Ägypten und die Berlinale 2015

Posted on 23. Februar 2015

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Vier Blogtexte, die für das Projekt „Berlinale-Blogger“ des Goethe-Instituts während der Berlinale 2015 entstanden sind. Themen waren das „Arab Cinema Center“, die erste internationale Initiative zur Unterstützung von Filmproduktionen aus arabischen Ländern; eine Rezension zu „Barra fel Share‘ / Out on the Street“ von Jasmina Metwaly und Philip Rizk; „Amal“, das von der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnete Filmprojekt von Mohamed Siam und eine Vorstellung der ägyptischen Filmbeitrage zur Berlinale.

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„Arabische Filme müssen auf dem kommerziellen Markt bestehen“

Das Arab Cinema Center hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Die Initiative der ägyptischen Agentur MAD Solutions will eine Netzwerkplattform für Filmemacher aus der gesamten arabischen Welt schaffen. Das Arab Cinema Center hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Die Initiative der ägyptischen Agentur MAD Solutions will eine Netzwerkplattform für Filmemacher aus der gesamten arabischen Welt schaffen. „Unser Wunsch ist es, dass arabische Filme nicht nur in kleinen Kinos in den jeweiligen Ländern laufen, sondern auf dem kommerziellen Markt bestehen können“, erklärt Abdallah Al Shami, Manager von MAD Solutions für die Golfregion. Auch wenn die Situation der Filmschaffenden wegen der politisch-gesellschaftlichen Umbrüche in vielen arabischen Ländern schwierig sei, seien sie immer noch unheimlich kreativ.

Die Berlinale ist ein guter Zeitpunkt für das Vorhaben von Abdallah Al Shami und Alaa Karkouti, dem Chef von MAD Solutions: Auf dem Filmfestival tummeln sich fast 20000 Regisseure, Produzenten und Journalisten. Das Arab Cinema Center (ACC) kooperiert deshalb unter anderem mit der Robert Bosch Stiftung, die 2015 zum dritten Mal in Folge einen Filmpreis für deutsch-arabische Koproduktionen vergeben hat. Einer der Gewinner war Mohamed Siam aus Kairo. Für junge Filmemacher wie Siam sind Netzwerktreffen, wie sie das ACC oder auch der Verein Documentary Campus in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Kairo organisiert, eine gute Chance: Hier können sie nach finanzieller Unterstützung suchen, sich professionell austauschen oder neue Ideen entwickeln.

Das ACC schafft es auf der Berlinale, eine Nische zu besetzen. Und das sehr professionell: Die Macher von MAD Solutions versorgen die Medienleute mit häufigen Pressemitteilungen und haben ein Heft produziert, das sie bei ihrem Stand im European Film Market verteilen. Das Heft listet alle arabischen Filme des Festivals auf, gibt einen Überblick über die Regisseure und die anwesenden Journalisten aus arabischen Ländern. Besonders wichtig ist Abdallah Al Shami der Status als Nichtregierungsorganisation mit derzeit elf Partnern. Was er sich für die Zukunft wünscht? „Dass wir unseren Zielen näherkommen und dass sich das Arab Cinema Center noch stärker etablieren kann. Und dass aus elf mindestens 15 Partner werden!“

Ohne jedes Fangnetz

In Barra fel Share’ – Out on the Street nähern sich Jasmina Metwaly und Philip Rizk den Auslösern für die 2011 beginnende Revolution in Ägypten an. Der erste Langfilm der jungen Regisseure feierte auf der Berlinale 2015 seine Weltpremiere.Metwaly und Rizk sind Mitglieder von Mosireen, einem Medienkollektiv, das die Konzepte des Bürgerjournalismus und des kulturell-politischen Aktivismus verknüpft. Seit 2011 beschäftigt sich Mosireen in meist mehrminütigen Youtube-Reportagen mit den sozialen Problemen in Ägypten. Auch für Barra fel Share‘ sind Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz, polizeiliche Willkür und Korruption die inhaltlichen Ausgangspunkte: Die Kamera begleitet eine Gruppe von zehn Fabrikarbeitern in Helwan, einem Viertel von Kairo. Sie alle kennen die tagtägliche Ausbeutung. Sie müssen mit ihr leben, um zu überleben. Als sie eines Tages anfangen, gegen die Zustände zu rebellieren, riskieren sie weit mehr als nur den Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Metwaly und Rizk brechen die Linse, durch die der Zuschauer den Film sieht, dabei gleich doppelt: Zum einen sind die Arbeiter engagierte Laienschauspieler, die im wirklichen Leben ganz ähnliche Berufe und Probleme haben wie im Film. Zum anderen stellen sie die Missstände in der Fabrik mithilfe eines inszenierten Theaterworkshops dar. Die Regisseure hielten sich hierbei bewusst zurück, ließen sich und den Schauspielern Raum für Improvisationen. Es gab einen klaren Beginn, aber kein Skript, im Vordergrund stand der Prozess des gemeinsamen Arbeitens.

Barra Fel Share‘ experimentiert mit verschiedenen Stilmitteln. Durch die Videoästhetik, in der die Kamera stets nah an den Darstellern ist, und das Theaterhafte, das mit nur den nötigsten Requisiten auskommt, gelingt Metwaly und Rizk in eindrucksvoller Deutlichkeit die Reduktion auf den Inhalt: Ein Leben ohne Sicherheit, ohne jedes Fangnetz. Ein Leben „draußen auf der Straße“. Dass man den Film als Metapher für die derzeitige Situation in Ägypten verstehen kann, ist durchaus gewollt.

Ägyptisch-Deutsche Produktion „Amal“ – Bester Dokumentarfilm

Als ich Mohamed Siam im November 2014 zum Leipziger Dokumentarfilmfestival traf, dauerte es keine fünf Minuten, bis er mich für sein Projekt Amal begeistert hatte. Und nicht nur mich: Die Robert Bosch Stiftung hat die Filmidee auf der Berlinale ausgezeichnet.Aus den fünf Minuten damals in Leipzig wurde eine knappe Stunde. Wir diskutierten über die Situation für junge ägyptische Filmemacher wie ihn, über die Zukunft des Landes – und immer wieder über Amal . Gemeinsam mit seiner Co-Produzentin Sara Bökemeyer erhält Mohamed Siam nun den Filmförderpreis für internationale Zusammenarbeit für Nachwuchsfilmemacher aus Deutschland und der arabischen Welt. Seit 2013 unterstützt die Robert Bosch Stiftung im Rahmen der Netzwerkplattform Berlinale Talentsje drei Filmprojekte mit jeweils bis zu 70000 Euro.

Die hochkarätig besetzte Jury lobte Siams Filmidee „wegen seiner Frische, persönlichen Nähe und der Dynamik, mit der es die Energie einer an den Rand der Gesellschaft gedrängten jungen Frau im Ägypten von heute zeigt“. Amal handelt von einem rebellischen jungen Mädchen, das sich in der von Männern dominierten ägyptischen Fußballszene durchsetzen will. Mohamed Siam hat das Projekt unter anderem während Doc Campus MENA , einem Trainings- und Netzwerkprogramm des Vereins Documentary Campus und des Goethe-Instituts Kairo, weiterentwickelt.

Neben Amal als Dokumentarfilm wurde The Parrotin der Kategorie Kurzspielfilm ausgezeichnet. Die Jury beeindruckte die originelle palästinensisch-israelische Geschichte über Entwurzelung und Anpassung, die mit Leichtigkeit und großer Liebe zum Detail aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählt wird. Der Preis in der Kategorie Animation ging an Clean Up The Living Room We’ve Got Visitors Coming. „Die Jury ließ sich von dem besonderen schöpferischen Ansatz überzeugen, mit dem das schwierige Thema der während der Zeit des libanesischen Bürgerkrieges verschwundenen Menschen bearbeitet wird“, heißt es in der Begründung.

Mitglieder der Auswahlkommission waren unter anderem Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, Marianne Khoury, Geschäftsführerin Misr Film International und Hania Mroué, Leiterin des Metropolis Art Cinema in Beirut.

Ägypten im Knotenpunkt der Filmkultur

Im vergangenen Jahr stand alles im Schatten des Oscar-nominierten Films The Square – Al midan von Jehane Noujaim. 2015 werden zwar weniger ägyptische Filme in den Berliner Kinos laufen. Trotzdem: Die Kuratoren eines der bekanntesten Filmfestivals der Welt haben eine Auswahl getroffen, die die thematische Kreativität und die Stärke des aktuellen ägyptischen Kinos zeigt.Allen voran ist Barra Fel Share‘ – Out on the Street der jungen Filmemacher Jasmina Metwaly und Philip Rizk zu nennen. Der erst in diesem Jahr erschienene 77-minütige Film begleitet eine Gruppe von Arbeitern im Kairoer Viertel Helwan. Zehn Fabrikangestellte nehmen an einem Schauspiel-Workshop teil. Während der Proben müssen sie sich Themen stellen, die sie aus ihrem eigenen Arbeitsalltag nur zu gut kennen: Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz, Polizeibrutalität, Korruption und Ausbeutung. „Wir wurden von dem Mut der Menschen inspiriert und von der Kraft, mit der sie ihren Vorgesetzten gegenüber auftreten“, erklären Metwaly und Rizk. „Diese Arbeiter riskieren den Verlust des Arbeitsplatzes, sie riskieren, verprügelt zu werden, sie riskieren Festnahme oder Vorladung vor das Militärgericht.“

Das Goethe-Institut Kairo hat die Reise der beiden jungen Regisseure nach Berlin unterstützt, ebenso wie die von Islam Safiyyudin Mohamed. Dessen Kurzfilm Acapella (Ägypten/Deutschland 2014, 13 Minuten) lotet mittels des Symbols einer Gefängniszelle die Kraft aus, die ein einziger Moment echter Erkenntnis haben kann. „Er hat das Potential, ausgetretene Pfade neu zu begehen, eingefahrene Modelle und automatisierte Daseinsformen zu überdenken, sowie Systeme, die scheitern müssen.“

Mohammad Shawky Hassans 24-minütiger Film Wa ‚ala Sa’eeden Akhar – And on a Different Note (Ägypten 2015) zeigt den Versuch, sich inmitten des ständigen Rauschens der allgegenwärtigen politischen, teils absurden und stets austauschbaren Talkshows einen privaten, persönlichen Raum zu schaffen.

Ammar Al Beik schließlich tritt in La Dolce Siria (Ägypten/VAE, 23 Minuten) in eine filmische Korrespondenz mit dem berühmten, lange verstorbenen Regisseur Federico Fellini. Es wird ein poetisches, trauriges Gespräch über das reale, traurige Syrien. Mit Unterstützung des Goethe-Instituts konnte auch Hossam Elwan, der Produzent des Films, nach Berlin fahren.

Mit dem Arab Cinema Center (ACC) gibt es, zum ersten Mal auf der Berlinale, den Versuch, eine internationale Plattform für arabische Filme auf den Weg zu bringen. Organisiert wird das ACC von MAD Solutions, einer Agentur mit Sitz in Kairo und Abu Dhabi. Ebenfalls in Berlin sein wird Youssef El Shazli, der Leiter des Zawya-Kinos in Downtown Kairo. Er diskutiert auf einem Panel im Talent Campus der Berlinale zum Thema Kinos in der arabischen Welt und ihre Rolle als Knotenpunkte im vielfältigen Gewebe der Kultur.

Foto: Christopher Resch

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Posted in: Goethe-Institut