Ägyptens Verleger: Auf gleicher Augenhöhe

Posted on 28. November 2014

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Die ägyptische Verlegerszene macht sich fit für die Herausforderungen eines schwierigen Buchmarktes. Professionalisierung auf individueller und struktureller Ebene ist der Schlüssel.

[Zuerst erschienen im Magazin des Goethe-Instituts Kairo. Arabische Übersetzung hier.]

 

Einen Zeitpunkt gab es auf der Frankfurter Buchmesse, da war die ägyptische Literatur vollkommen angekommen: „Cairo Short Stories trifft sexyunderground“ hieß das Panel, auf dem drei ägyptische Autorinnen – die Gewinner des vom Goethe-Institut ausgerichteten Schreibwettbewerbs „Cairo Short Stories“ – mit drei deutschen Kollegen diskutierten. Die deutschen Autoren gehörten zum jungen Kollektiv „sexyunderground“. Sexy, Cairo? Wer nur wegen des scheinbaren Gegensatzes gekommen war, fand sich schnell in einer von gegenseitigem Respekt und Interesse geprägten Diskussion wieder. Gleiche Augenhöhe auf der größten Buchmesse der Welt.

Nein, verstecken braucht sich die ägyptische Literatur nicht, nicht die Autoren und nicht die Verleger: Sherif Bakr und Mohamed el-Baaly zum Beispiel, beide führen jeweils ihren eigenen Verlag in Kairo. Auf der Buchmesse waren sie ständig unterwegs, überall am Netzwerken. Wer einen Termin mit den Ägyptern wollte, musste sich nach ihnen richten. Nicht umgekehrt.

Professionalisierung ist das große Ziel

Ein solches Programm kostet Kraft. Doch die Anstrengung ist notwendig, denn der ägyptische Buchmarkt zeigt erst nach und nach Zeichen von Erholung. Um 70 Prozent sei der Umsatz nach dem Beginn der Revolution vor fast vier Jahren eingebrochen, heißt es in einem Papier der Frankfurter Messe. Im Durchschnitt habe jedes neue Buch eine Auflage von nur 1000 Exemplaren. „Wir erschließen aber mehr Verkaufskanäle, es gibt neue, unabhängige Buchläden, die Buchketten vergrößern sich und wir geben Jahr für Jahr mehr Titel heraus“, erklärt Mohamed el-Baaly. „Wir erreichen Menschen, die wir früher nicht erreicht haben, weil wir neue Bücher und neue Genres auf den Markt bringen, egal ob übersetzt oder von lokalen Talenten“, ergänzt sein Kollege Sherif Bakr vom Verlagshaus Al-Arabi. Er setzt stark auf E-Books. „Wir haben technologisch einen großen Sprung gemacht. Der Markt ist zwar nicht extrem groß, aber er wächst. Das haben endlich auch die Verleger erkannt.“ Professionalisierung ist das große Ziel, auf allen Ebenen: Mohamed el-Baaly hat zum ersten Mal Neuerscheinungen und andere wichtige Bücher seines Sefsafa-Verlags in einem Katalog versammelt – auf Englisch, die Zielgruppe ist international.

Das Goethe-Institut spielt hierbei eine wichtige Rolle. In Workshops erarbeiten die Verleger zum Beispiel Ansätze zur Verbesserung des Vertriebs – einem der größten Probleme im ägyptischen Verlegermarkt. Es gibt kaum verlässliche und vor allem bezahlbare Strukturen. Eines der wichtigsten Projekte, da sind sich Bakr und el-Baaly einig, ist Übersetzen als Kulturaustausch. Teil dieses Programms ist die Förderung von Übersetzungen ins Arabische. Dina Kafafi hingegen widmet sich der technischen Seite: Mit ihrer an der Kairoer Townhouse-Bibliothek angesiedelten Digital Online Library will sie die ägyptische Öffentlichkeit von den Potenzialen des E-Books überzeugen. Die Projektidee hatte sie im vergangenen Jahr entwickelt, während eines Workshops für Kulturmanager am Goethe-Institut Kairo.

„Cairo Calling“

Der ägyptische Buchmarkt ist in Bewegung, nicht zuletzt durch die immer professionelleren Denk- und Arbeitsweisen auf individueller Ebene. Den leichten Aufwärtstrend wollen auch die Organisatoren der Internationalen Buchmesse in Kairo für sich nutzen. Ehemals angeblich die zweitgrößte Buchmesse der Welt, ist sie in den letzten Jahren geschrumpft – auch wegen der unsicheren politischen Situation. Das Datum ab Ende Januar trägt nicht unbedingt zum Sicherheitsgefühl bei: Der 25. und auch der 28. Januar sind wichtige Daten der ägyptischen Revolution 2011. Doch abgesehen von äußeren Faktoren bemüht sich die General Egyptian Book Organization (GEBO) um Professionalisierung. Mit „Cairo Calling“ hat die GEBO ein dreitägiges Fachprogramm aufgelegt, mit dem ausländische Verleger in den ersten Messetagen kulturelle und sprachliche Barrieren überbrücken können. „Warum sollten Sie zur Internationalen Buchmesse in Kairo kommen?“, fragt die Broschüre, und gibt die Antworten im Innenteil selbst. Verantwortlich ist Sherif Bakr. Auf der Frankfurter Buchmesse hat der umtriebige Verleger bereits für das Programm geworben. „Cairo Calling richtet sich an die Bedürfnisse ausländischer Verleger“, erklärt Bakr. „Wir haben aus einigen Ländern sehr positives Feedback bekommen, andere brauchen noch mehr Informationen.“ Für viele Buchhändler sei die arabische Welt eine Büchse der Pandora, voller Vorbehalte, die man nach und nach abbauen müsse.

Der Tiefpunkt ist hoffentlich überwunden

Deutschland wird auf der Kairoer Buchmesse vertreten sein. Einen deutschen Gemeinschaftsstand von Frankfurter Buchmesse, Deutschlandzentrum und Goethe-Institut soll es in jedem Fall wieder geben, bestätigt Claudia Dobry. Sie organisiert seit 2004 seitens der Frankfurter Messe die Gemeinschaftsstände in der arabischen Welt. „Es wird aber alles etwas kleiner sein, wir müssen erst einmal abwarten, wie sich die Dinge entwickeln“, erklärt Dobry. Im vergangenen Jahr musste sie das Land verlassen, nachdem es zwei Anschläge im Kairoer Stadtgebiet gegeben hatte. Der Tiefpunkt sei aber hoffentlich überwunden. Das sehen auch die ägyptischen Verleger so.

Die sind ohnehin geübt darin, sich Nischen zu suchen und Chancen zu ergreifen. Die im Workshop „Cairo Short Stories“ erarbeiteten Kurzgeschichten zum Beispiel werden, sobald sie ins Arabische übersetzt sind, bei Mohamed el-Baalys Sefsafa-Verlag erscheinen. Und das Projekt, das auf der Frankfurter Buchmesse so guten Anklang fand, wird weitergehen: Wie 2014 wird auch im kommenden Jahr der deutsch-irakische Schriftsteller Abbas Khider den Kairoer Workshop leiten. Weitere Schreibwerkstätten sind in Planung, auch in anderen arabischen Städten.

Christopher Resch lebt und arbeitet als freier Journalist in Leipzig. Er schreibt vor allem über Gesellschaft, Kultur und den Dialog mit und in der arabischen Welt.
Copyright: Goethe-Institut Kairo
November 2014
Foto: Alexander Heimann (c) Frankfurter Buchmesse
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Posted in: Goethe-Institut