„Jede Stadt hat ihre eigene DNA“

Posted on 7. November 2014

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„Jede Stadt hat ihre eigene DNA“ – Interview mit Alexander Opper

[Zuerst erschienen auf der Website des Goethe-Instituts Südafrika. Englische Übersetzung hier.]

 

Johannesburg ist für den Architekten, Autor und Künstler Alexander Opper das perfekte Probierfeld für Architektur – gerade weil die Stadt so unperfekt sei. Opper lehrt an der Universität Johannesburg. 2013 zeigte er im Rahmen des Projekts GoetheonMain seine erste Einzelausstellung Separ(n)ation. Ein Interview am Rande der Frankfurter Buchmesse 2014 von Christopher Resch.

Was bringt die Architektur einer Stadt, abgesehen von schönen oder pragmatischen Gebäuden?

Architektur kann das Gesicht, das Bewusstsein einer Stadt verändern. Ein Beispiel dafür ist der Bilbao-Effekt: Mit dem Guggenheim-Museum von Frank Gehry ist es Bilbao gelungen, durch eine einzelne, finanziell gut ausgestattete Intervention eine Aufwertung der Stadt in Gang zu setzen. Allerdings hat jede Stadt ihre eigene DNA. Formeln funktionieren da nicht. Es ist außerdem sehr selten, dass eine Investition wie im Beispiel von Bilbao im globalen Süden geschieht.

In diesem globalen Süden leben und arbeiten Sie. Was ist Ihr Blick auf Johannesburg?

Johannesburg ist ein Konglomerat, eine Ansammlung aus vielen Gebäuden. Einige mittelmäßig, die meisten aus ästhetischer Blickrichtung hässlich. Mich zieht diese Art Städte an, deshalb mag ich auch Berlin, weil es nicht klassisch gebaut ist, es ist eine Art Mischmasch.

Wie unterscheiden sich die beiden Städte voneinander?

In Johannesburg sieht man die inneren Trennlinien und Teilungen noch viel deutlicher. Deshalb glaube ich, dass Stadtplanung dort sehr viel wichtiger ist als der Effekt, den individuelle Gebäude haben können. In vielen Gebäuden in Johannesburg spielt die Privatsphäre eine große Rolle: Oft fühlt man sich, als würde man eine Botschaft betreten, so stark ist das Schutzbedürfnis und die Paranoia. Deswegen glaube ich, dass Architektur hier eine wichtige Rolle spielt, am stärksten im Wohnungsbau. Auf ästhetischer Ebene ist sie meiner Meinung nach weniger interessant. Johannesburg ist wie eine unabsichtlich hergestellte Collage, wegen der obsessiven Natur der Segregation, die die Dinge voneinander trennt. Für mich ist die Stadt das perfekte Probierfeld für die Architektur, weil es so unperfekt ist. Für junge Architekten gibt es viele Möglichkeiten, sich kritisch damit auseinander zu setzen, diese Trennlinien abzuschaffen.

Auf dem Panel „Wer macht die Stadt“ während der Frankfurter Buchmesse 2014 sagten Sie, dass Architekten ihre Rolle neu überdenken müssen. Wie meinten Sie das?

Ich glaube, dass in vielen Architekturschulen die Figur des heroischen Problemlösers vorherrscht. Im Gegensatz dazu versuche ich meinen Studenten beizubringen, dass man auf gegebene Situationen durchdachte Antworten gibt, kleine Schritte hin zu einer Lösung, zu der der Architekt beitragen kann, aber nicht notwendigerweise muss. Es geht darum, eine Beziehung mit der Stadt und den Menschen aufzubauen, die letztlich in eine Form von Architektur mündet. Ein anderer Punkt ist, dass Architekten Komplizen sind. Wenn Architektur sehr mangelhaft ausgeführt ist, könnte man radikal sein und sagen, dass das ein krimineller Akt ist, gegen die Menschlichkeit, gegen die Bedürfnisse einer Stadt. Das passiert häufig, wenn Architekten ihre eigenen ästhetischen Vorstellungen durchsetzen, zum Nachteil der Benutzer. Ich bin mir sicher, dass Architekten beim Bau der Trennmauer zwischen Palästina und Israel oder der Berliner Mauer beteiligt waren. Jede architektonische Form hat das Potenzial, Nutzen zu bringen oder Schaden anzurichten. Es geht also auch darum, den Architekten beizubringen, so wenig Schaden wie möglich anzurichten.

Wie schaden oder nützen sich Kunst und Architektur gegenseitig? Welche inneren Bezüge gibt es?

In Johannesburg gab es in den letzten Jahren einige künstlerische Interventionen, die über den öffentlichen Raum Zugänge in die Stadt öffneten. Der öffentliche Raum ist in Johannesburg fast in Vergessenheit geraten. Er wurde mit anderen Funktionen überschrieben, verschwand einfach oder wurde als unsicher angesehen und deshalb nicht genutzt. Kunst kann also für eine Stadt sehr wertvoll sein. Außerdem stehen Städte in Wettstreit miteinander. Wenn man eine sehr gute Idee eines Architekten in ein aussagekräftiges Kunstwerk übersetzen kann, setzt das die Stadt in einen Dialog mit anderen Städten. Das südafrikanische Budget für Kunst im öffentlichen Raum ist aber sehr viel kleiner als die Budgets in Europa oder Nordamerika. Es gibt sehr wenig Geld für die Pflege der Kunstwerke, sie sehen nach einer Weile einfach nicht mehr gut aus und werden dann kontraproduktiv.

Wie sieht Johannesburg in 50 Jahren aus, wie kann die Stadt lebenswert gestaltet werden?

Die aktuelle Form der Stadt ist auf mehreren Ebenen problematisch: Sie wuchert, vieles in ihr ist getrennt und schwer wieder zu vereinen. Seit 2010, seit der Fußball-Weltmeisterschaft, die der Katalysator für diese Art infrastruktureller Verbesserungen war, hat die Stadt ein recht überzeugendes System innerstädtischen Transports gebaut. Es ist noch nicht fertig, brachte aber große Verbesserungen. Auch wenn es eine Menge Spannungen gibt, unter anderem weil die Taxifahrer sich in ihrem Auskommen bedroht fühlen. Zweitens ist Verdichtung wichtig. Das Konzept eines Hauses mit Garten, das die Menschen in vielen Ländern anstreben, ist nicht sehr nützlich. Man muss einen Weg finden, durch den größere Gruppen von Menschen auf weniger Boden leben können. Dazu muss man aber den öffentlichen Raum so gut gestalten, dass die Menschen die Vorzüge von geteiltem Raum und Boden erkennen. Diese zwei Dinge, Infrastruktur und Verdichtung, sind elementar.

Sie sind Direktor des Master-Programms für Architektur an der Universität Johannesburg. Wie bringen Sie Ihren Studenten bei, die Arbeit im Studio mit dem Feld, der Arbeit draußen, in Beziehung zu setzen?

Am Beginn eines neuen Projekts laufen wir mit den Studenten vom Campus in die Stadt, verneinen also bewusst die Welt des Autos. Wir treffen mit dem Projekt verbundene Personen im Kontext der jeweiligen Öffentlichkeit, es gibt also eine direkte, unmittelbare, körperliche Verbindung zum Ort und zu den Menschen. Die Studenten beschäftigen sich zum Beispiel mit einer bestimmten Art von Schulen, den „low fee inner city private schools“. Das ist ein Schulmodell, das sich in Gebäuden entwickelt hat, die ursprünglich nicht als Schulen gedacht waren. Für Eltern, die in der Stadt arbeiten, sich die hohen Schulgebühren der anderen Privatschulen aber nicht leisten können. Hier spielt Architektur eine zentrale Rolle, ganz einfach als Hülle, als Container für eine Bildungseinrichtung.

Werden Universitäten und Forscher in den Dialog über die Zukunft der Stadt einbezogen?

Das läuft noch zu sehr getrennt ab. Wir versuchen, gute Beziehungen zu Personen in der Stadtverwaltung aufzubauen, die interessiert sind, mit uns zu arbeiten, die eine Vision haben. Das ist nicht unbedingt leicht. Manche sehen in uns auch eine Bedrohung ihrer Macht, was nicht unsere Absicht ist.

Copyright: Goethe-Institut Südafrika, Internet-Redaktion

Oktober 2014

Foto: Christopher Resch

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Posted in: Goethe-Institut