Müder Jubel aus dem Sofaeck

Posted on 10. Juli 2014

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[Dritter und letzter Teil einer Beitragsreihe über die WM 2014 für das Goethe-Institut Kairo. Arabische Übersetzung hier.]

 

Wie sehr fiebern in Deutschland aufgewachsene Ägypter eigentlich mit der deutschen Nationalmannschaft mit? Eine Feldstudie im Wohnzimmer.

Es ist angerichtet: Deutschland gegen Frankreich! 22 hochkonzentrierte Spieler, zwei angestrengt Kaugummi kauende Trainer, niemand sagt einen Ton. Kurz vor dem Anpfiff im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro kann man die Luft schneiden, so greifbar ist die Anspannung.

9.870 Kilometer entfernt sieht die Sache ganz anders aus. Entspannt lümmeln wir uns vor dem Fernseher, eine bunte Mischung aus Leuten mit deutschen und ägyptischen Wurzeln. Wir gehen das moderne, Zug um Zug durchkomponierte Fußballspiel mit unserer eigenen Taktik an: Wir diskutieren. Und zwar nicht über Spielzüge, sondern über Emotionalität, Identität, Nationalgefühl.

Vorneweg: Natürlich sind wir mitgerissen, es ist ja kein schlechtes Spiel, die Recken auf dem Rasen schenken sich nichts. Aber unsere Mini-Feldstudie in meinem Wohnzimmer zeigt: Zwei meiner halb ägyptischen, halb deutschen Freunde fiebern zwar mit, aber mit einem Augenzwinkern. Vereinzelt ruft jemand „Schlaaaand“ aus seinem Sofaeck, aber wenn das mein Kumpel Mo sagt, kann ich die Ironie schon beinahe greifen. Yahya hat überhaupt keinen Bezug zum deutschen Fußball, auch seinem Vater waren die Spiele der Nationalmannschaft herzlich egal, als er vor 35 Jahren nach Deutschland kam.

Natürlich identifizieren sich meine „halb-halb“-Freunde mit Deutschland, aber sie würden niemals Flaggen aus dem Fenster hängen oder die Seitenspiegel ihrer Autos mit schwarz-rot-goldenen Hüllen überziehen. Yahya muss lachen, als ich ihn frage, ob er sich eine ägyptische Flagge ins Gesicht malen würde. „Nee. Der Adler wäre auch viel zu schwierig zu zeichnen!“

Auch ich habe keine Deutschlandfarben auf den Wangen. Aber ich bin trotzdem angespannt. Meine Aufregung steigt, als die Franzosen stärker werden, und als André Schürrle kurz vor Schluss eine Großchance vergibt, zuckt mein Fuß so mit, als hätte ich das Tor selber schießen müssen. Aber die Aufregung verpufft schnell im Einheitsbrei der deutschen Kommentatoren. Da sind wir uns einig: Deutsche Fußballübertragungen sind um einiges langweiliger als ägyptische. Immer schön ausgewogen, nur nicht anecken.

Ein Ergebnis der kleinen Feldstudie in meinem Wohnzimmer: Heimatgefühl und eine emotionale Verbundenheit zu Deutschland: Klar, und das überträgt sich auch auf das, was wir auf dem Bildschirm sehen. Aber Stolz? Den heben wir uns für Dinge auf, die wir selber geleistet haben. Mo hat einen angenehm entspannten Umgang mit der WM gefunden: Er ist für die Underdogs. „Wäre doch mal schön, wenn man weiß, wo Brunei liegt, oder?“

 

Foto: Antonia Brouwers/Goethe-Institut Kairo

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