Das Wohnzimmer auf der Straße

Posted on 25. Juni 2014

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[Zweiter Teil einer Beitragsreihe über die WM 2014 für das Goethe-Institut Kairo. Arabische Übersetzung hier.]

In Deutschland ist Public Viewing während der Fußball-WM äußerst beliebt. Doch warum treffen sich Tausende Menschen, um am Ende doch nur gemeinsam fernzusehen?Fußball ist bestens dazu geeignet, die Gemüter zu erregen. Gerade ein Großereignis wie die WM in Brasilien verdeutlicht die verschiedenen Aspekte an dieser schönsten Nebensache der Welt: Glamour auf der einen, Elend auf der anderen Seite – etwa wenn Menschen wegen des Baus neuer Stadien umgesiedelt werden müssen.

In Deutschland ist Kritik an der WM für viele Fußballfans zweitrangig: Ganze Menschenmassen treffen sich zum gemeinsamen Fußballschauen, gerne draußen in Biergärten oder auf Plätzen in der Stadt. „Public Viewing“ hat sich als Begriff dafür etabliert – eine typisch deutsche Wortschöpfung, die im englischen Original „öffentliche Aufbahrung“, zum Beispiel von Toten, bedeutet. Warum treffen sich deutsche Fußballfans, die eigentlich nicht zu permanenten Gefühlsausbrüchen neigen, an öffentlichen, aber streng reglementierten Plätzen? Lassen am Einlass ihre Rucksäcke durchsuchen, geben ihre Glasflaschen ab, liegen nach einem mühsamen 1:0 wildfremden Menschen in den Armen?

Die Soziologie erklärt das mit der Suche nach Gemeinsamkeit: Weil viele Menschen frühere Orte des Zusammenhalts, wie die Familie oder die Dorfgemeinschaft, schmerzlich vermissten, flüchteten sie sich gerne in Gemeinschaften, in denen temporär und als Gegensatz zum tristen Alltag eine kollektive Euphorie entstehen könne.

Neue Orte des Zusammenhalts?

Temporär ist das Schlüsselwort: Im Grunde schaut man nur gemeinsam fern. Enge Bindungen entstehen nicht automatisch – auch wenn es schöne Sonderformen des Public Viewing gibt: An einigen Orten dürfen die Zuschauer selbst den Kommentator spielen und wechseln sich im Zehnminutentakt ab. Oder wie beim Fußballclub Union Berlin: Dort haben die Fußballfans 750 Sofas ins Stadion getragen, um dort gemeinsam mit tausenden Anderen die Spiele zu verfolgen – in ihrem „WM-Wohnzimmer“.Doch selbst die auf den ersten Blick so inklusive Idee des Public Viewing ist vom wirtschaftlichen Gedanken getragen: Veranstalter des „WM-Wohnzimmers“ ist eine Berliner Marketingagentur, und die großen Fanmeilen haben exklusive Verträge mit Getränkeherstellern.

Man kann sich dem Ganzen schwer entziehen, doch kürzlich habe ich in meiner Stadt einen kleinen, sympathischen Garten entdeckt. Eine Wiese, Holzbänke, eine Bretterbude, in der es billig Getränke gab – vielleicht ist Public Viewing ja doch etwas für mich! Nach fünf Minuten stellte sich heraus, dass etwas mehr Organisation gutgetan hätte: Der Beamer war viel zu schwach, um etwas erkennen zu können. Zu Ende geschaut habe ich das Spiel zuhause, mit guten Freunden.

 

Foto: Tas Emotional Marketing GmbH

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