Wettkampf zwischen den Gefühlen

Posted on 11. Juni 2014

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[Erster Teil einer Beitragsreihe über die WM 2014 für das Goethe-Institut Kairo. Arabische Übersetzung hier.]

Am 12. Juni beginnt die Fußball-WM in Brasilien. Doch manch Deutschem fällt es gar nicht so leicht, die eigene Nationalmannschaft zu bejubeln.

Ganz ehrlich? Ich habe die Fußball-Weltmeisterschaften schon immer gehasst. Besonders die WM 2006 in Deutschland! Das „Sommermärchen“ im eigenen Land, tausende Wimpel in schwarz-rot-gold, Fähnchen an jedem Auto. Nicht an meinem! Klar, ich interessiere mich für Fußball, seitdem ich sechs Jahre alt bin, spiele ich im Verein. Aber meine Liebe gehört dem unterklassigen Fußball, dem samstäglichen Gekicke auf dem Kreisklassenplatz nebenan, mit Menschen, die ich kenne, die mir etwas bedeuten. Hochbezahlten Fußballprofis zuzuschauen, wie sie sich mit anderen Nationen messen, und dabei „Deutschland“ zu rufen? Das war nie mein Ding.

Ganz ehrlich? Ich habe die Weltmeisterschaften schon immer geliebt. Endlich hochklassiger, emotionaler Fußball, einen ganzen Monat lang! Ganz besonders die WM 2006 in Deutschland. Selbst in Leipzig, der Stadt, in der ich schon damals gelebt habe, wurde ein Spiel ausgetragen. Diese Euphorie, diese Begeisterung: Als während des Turniers Miroslav Klose ein wichtiges Tor kurz vor Schluss schoss, fiel mir plötzlich ein wildfremder Mann um den Hals und jubelte mit mir.

„Meine“ Nation?

Nun steht die WM 2014 in Brasilien vor der Tür, und wieder stehe ich vor diesem Zwiespalt. Ich liebe Fußball, schon immer, gerade weil das Spiel so banal und einfach ist, dass es von Milliarden Menschen auf der Welt gespielt werden kann. Ob mit Brazuca, dem offiziellen WM-Ball, oder mit einer beliebigen Blechdose, der Spaß bleibt derselbe. Doch ich mag den Nationalstolz nicht. Identität ist wichtig, um zu wissen, wer man ist. Doch ich habe zu „meiner Nation“ wenig beigetragen, ich bin hineingeboren worden, warum sollte ich auf sie stolz sein? Und warum sollte ich mich besser oder gar überlegen fühlen, wenn Deutschland das erste Spiel gegen Portugal gewinnt? Wäre ein hochklassiges, torreiches Unentschieden nicht viel schöner?

Für viele Menschen, gerade Ägypter, mögen diese Gedanken befremdlich wirken. Fußball ist eben darauf angelegt, dass eine Mannschaft gewinnt. Das ist das Salz in der Suppe. Aber für mich gehört das Entweder-Oder, das ich fühle, zum Fußball wie die beiden Mannschaften, die gegeneinander antreten. Denn Fußball ist zwar nur ein Spiel, aber zugleich so viel mehr als das.

 

Foto: Christian Donner

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