Ägypten: „Das Land wartet“

Posted on 23. Januar 2014

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Fähnchen, Vuvuzela, Feuerwerk: Am Tag nach der Absetzung von Präsident Mursi herrscht in Ägypten Begeisterung. Doch in den Jubel mischen sich immer mehr Zweifel. Ein Stimmungsbericht von Christopher Resch

[Dieser Text erschien am 5. Juli 2013 auf goethe.de, der Startseite des Goethe-Instituts. Link zum Artikel.]

Am Morgen nach dem rauschhaften Abend fühle ich mich immer noch wie in einem Film. Neun Flugzeuge ziehen donnernd über mir ihre Bahnen, hinter ihnen strömt Rauch in den Farben der ägyptischen Flagge in den Himmel. Die Szene erinnert mich an ein ähnliches Schauspiel am Tag zuvor: Apache-Armeehubschrauber kreisten plötzlich über dem ikonenhaften Tahrir-Platz – und warfen kleine Landesfähnchen über den Demonstranten ab. Hunderttausende jubelten. Die Menschen haben zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ihren Willen durchgesetzt und ihren Präsidenten in die Wüste geschickt.

Kairo hatte sich schon seit Wochen verändert. Mein täglicher Weg führt mich von meinem Zuhause, der Mohamed-Mahmoud-Straße mit ihren Straßenbarrikaden und revolutionären Graffiti, durch Downtown, diesem pulsierenden, aber stets etwas krank und strapaziert wirkenden Herz der Stadt, zum Goethe-Institut. Den Tahrir-Platz habe ich dabei immer im Blick.

In den letzten Tagen steigt die Anspannung der Leute auf den Straßen in Downtown, da geht es mir nicht anders als dem Frühstücksverkäufer vor dem Institut. Die Streitereien auf der Straße nehmen zu. Einmal brennt direkt vor dem Goethe-Institut ein Minibus aus, die Mitarbeiter schleppen eilig Wasser heran. Aktivisten bauen wieder Zelte auf dem Tahrir-Platz auf, der 30. Juni nähert sich: An diesem Tag wird Mohamed Mursi genau ein Jahr im Präsidentenamt sein, Großdemonstrationen sind geplant. Ganz Kairo, ganz Ägypten fiebert auf diesem Tag hin, die Botschaften senden Mails, die beschwichtigend klingen sollen und gerade dadurch die Besorgnis vergrößern. Am Abend vor dem 30. Juni schicke ich einem Freund eine Nachricht, was er gerade so tue: „Ich warte auf morgen. Das ganze Land wartet auf morgen.“

Am Mittag des 30. Juni ist die Stadt seltsam ruhig, es fehlt ein bestimmendes Element: Es gibt keine Autos. Menschen kaufen Lebensmittel ein, nicht überhastet, aber ihre Tüten sind größer als sonst. Der Obstverkäufer direkt vor meiner Haustür hat keine Ware mehr. Was dann ab Nachmittag und in den folgenden Tagen geschieht, muss sich erst sortieren in den Köpfen. Hunderttausende Menschen gehen auf die Straße und protestieren, viele für Präsident Mursi vor der Rabaa al-Adawiya-Moschee im Osten Kairos, viele mehr gegen ihn auf dem Tahrir-Platz und vor dem Präsidentenpalast. Der Ruf „Irhal – Hau ab!“ ist in allen Ecken der Stadt zu hören. Es werden Millionen, mehr als bei den Demonstrationen gegen Mubarak.

Es ist von Bürgerkrieg die Rede

Fast alle meine ägyptischen Freunde sind dabei, ich sitze zu Hause und klebe am Laptop. Meine Straße ist ständig voll mit Menschen, sie rufen Parolen, schwenken Fahnen, hupen. Die Vuvuzela-Tröte erlebt ein Comeback, und was für eins. In den folgenden Nächten beginnen Schießereien, das Land hat sich in den letzten Wochen immer stärker auf die gefährliche Spaltung zwischen Anhängern und Gegnern von Mursi hinbewegt. Ängstliche Worte vom Bürgerkrieg machen die Runde. Dutzende Menschen sind bereits ums Leben gekommen.

Dann mischt sich das Militär ein, diese offene Macht im Hintergrund. Die Armee als Institution, aber auch einzelne hohe Offiziere haben durch ihre Kontrolle über Teile der Wirtschaft einen extrem starken Einfluss und sind eigentlich nie wirklich von den Hebeln der Macht abgetreten. Nun setzen sie Mursi und den Muslimbrüdern ein Ultimatum: 48 Stunden habe er Zeit, auf die Opposition zuzugehen. Mursi tut – nichts. Die Anspannung steigt weiter, ich wundere mich, dass das überhaupt noch möglich ist. Das Ultimatum verstreicht, immer mehr Menschen strömen auf die Straßen. Panzerwagen fahren auf und umstellen die Großdemonstration der Mursi-Anhänger, und kurz darauf ist klar: Der Präsident ist abgesetzt. Vor meinem Fenster sehe ich Menschen, die tanzen, jubeln und singen – ohne Pause und stundenlang. Feuerwerk knallt in den Himmel, ich sehe bengalische Feuer auf dem Tahrir-Platz. Der Jubel ist ohrenbetäubend. Das ist spontanes, tiefes Glück.

Meine Freunde diskutieren: Ist das ein Putsch, wenn auch demokratisch legitimiert? Sie lehnen das Wort ab. Trotzdem schwingt Ernüchterung mit. Alte Zweifel am Militär kommen hoch, Erinnerungen an Militärprozesse, an die unwürdigen „Jungfrauentests“. Noch am selben Abend stellt das Militär Haftbefehle gegen einige Muslimbrüder aus und schließt mehrere Fernsehsender, während diese gerade live auf Sendung sind. Auch wenn diese in den letzten Wochen erbittert gegen die Opposition gehetzt haben – demokratisch ist das nicht.

Nun steht Ägypten ein weiteres Mal an einem Neuanfang. Wohin der Weg führen wird, ist unklar. Gewalt kann jederzeit ausbrechen, die Nerven liegen blank, nicht nur bei den Muslimbrüdern. Der Plan, zügig Neuwahlen abzuhalten, ist vernünftig. Doch auch der nächste Präsident wird es nicht leicht haben. Er wird versuchen müssen, die Kluft in der Gesellschaft zu überwinden. Und der Schlüssel dafür wird sein, den vielen Menschen, die an und unterhalb der Armutsgrenze leben, eine Perspektive zu geben. Denn sie haben die Revolutionen zu einem großen Teil mitgetragen, die vom 25. Januar 2011 wie die vom 30. Juni 2013.

[English version here.]

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