In den Herzen brennt es noch

Posted on 23. September 2012

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Sechs Monate nach dem Feuer von Ludwigshafen ist das deutsch-türkische Verhältnis gewohnt zwiespältig

[Dieser Artikel erschien am 16.08.2008 in der Wochenendbeilage der Hessischen / Niedersächsischen Allgemeinen. PDF-Link]

 

Das Thema: Neun Menschen starben im Februar beim Brand in einem Ludwigshafener Wohnhaus. Alle Opfer waren Türken. Ein halbes Jahr später ist die Suche nach der Ursache beendet – ohne Ergebnis. Als nach der Katastrophe die Verzweiflung und die Vorwürfe abklungen waren, hofften Türken und Deutsche auf einen neuen Zusammenhalt. Doch die Vorurteile bleiben.

 

Ludwigshafen. „Man muss sich ja nicht lieben.“ Sigrid Karck sagt diesen Satz sehr nüchtern. Sie leitet die Öffentlichkeitsarbeit im Ludwigshafener Rathaus. Wenn man aus ihrem Büro im 14. Stock auf die Stadt schaut, bleibt der Blick an einem dunklen, verkohlten Haus hängen. Ein weißer Vorhang weht aus einem der Fenster, als wolle er hinaus, weg von dieser Ruine. Nein, Türken und Deutsche müssen sich nicht lieben. Für einige Tage im Februar sah es aber so aus, als würden sie sich hassen.

Am Nachmittag des 3. Februar, dem Faschingssonntag, steht das dunkle Haus mit den weißen Vorhängen am Danziger Platz 32 in Flammen. „Das war ganz, ganz schlimm“, erinnert sich Hasibe Akkol und legt beide Hände auf ihr Herz. Sie wohnt im Nachbarhaus, sieht verzweifelte Menschen aus den Fenstern springen. Neun Türken sterben, darunter fünf Kinder und eine schwangere Frau, 60 sind verletzt. Dass es nicht noch mehr sind, ist der Reaktion von Polizei und Feuerwehr zu verdanken: Wegen des Faschingsumzugs sind sie den ganzen Tag im Carl-Bosch-Gymnasium direkt gegenüber stationiert.

Doch schon am nächsten Tag verbreiten türkische Medien schwere Vorwürfe: Die Feuerwehr hätte nicht beherzt genug eingegriffen. Helfer werden bespuckt, ein Brandschützer wird in einer Gaststätte verprügelt. Die Stimme von Feuerwehr-Chef Peter Friedrich zittert auch heute noch, wenn er davon erzählt. „Der Kollege war schon von anderen Einsätzen traumatisiert. An diesem Abend hat ihn seine Frau zum ersten Mal wieder aus dem Haus gebracht. Und dann sowas.“ Bis heute ist der Mann in psychologischer Behandlung. Die Feuerwehrleute kennen sich aus mit Bränden, was auch an der Struktur der Stadt am Rhein liegt: Die über 30 000 Arbeiter im riesigen BASF-Werk gehen tagtäglich mit leicht entflammbaren Chemikalien um. Typisch für solche Industriestädte ist der hohe Migrantenanteil. Gerade hier könnten Deutsche und Nichtdeutsche friedlich miteinander leben.

Oder nur nebeneinander. Doch es wäre falsch, die Vorwürfe und Gerüchte nach dem Brand als Zeichen für eine gescheiterte Integration zu sehen. Das zeigt sich in Gesprächen mit Menschen wie Mario Weißenberger, 48. Vor 31 Jahren hat sein Vater die Kneipe „Laterne“ gepachtet, seit 14 Jahren steht Weißenberger selbst hinter der Theke. Bei Bier und Zigarette ärgert er sich über die vielen Ausländer in der Innenstadt. Laut Sozialdezernent Wolfgang van Vliet liegt deren Anteil zwischen 30 und 50 Prozent. Trotzdem hat Weißenberger Geld gespendet. „Die armen Leute in dem Haus können doch am wenigsten dafür.“  Über 250 000 Euro seien für die Familien der Opfer zusammengekommen, sagt Oberbürgermeisterin Dr. Eva Lohse.

Schon 2006 Brandanschlag Doch die Spenden als Zeichen für ein gesundes Zusammenleben zu werten, wäre wohl auch falsch. In Weißenbergers Kneipe jedenfalls kommen Migranten fast nie. „Die leben ihr eigenes Leben, das war schon immer so“, meint er. „In deren Kulturvereine darf man ja nicht rein.“ Einige Räume im Erdgeschoss des abgebrannten Hauses belegte ein solcher Kulturverein. Im August 2006 flogen zwei Brandsätze durch die Scheiben. Obwohl der Anschlag nie aufgeklärt wurde, vermutet man einen fremdenfeindlichen Hintergrund. Rassismus gibt es in Ludwigshafen wie in jeder mittleren Großstadt in Deutschland, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Brandstiftung am Danziger Platz 32 schließt die Staatsanwaltschaft in ihrem Abschlussbericht aus. „Ich glaube aber, dass jemand den Brand gelegt hat“, sagt Sinan Celik, der keine hundert Meter entfernt das Restaurant „Sofra“ betreibt. Doch er fügt hinzu: „Ob Deutscher, Türke oder Italiener, das ist egal. Dort sind Menschen gestorben.“ Damit meint Celik das, worauf Oberbürgermeisterin, Sozialdezernent, Feuerwehr-Chef und Polizeipräsident Wolfgang Fromm hoffen: Dass die Katastrophe die Beziehungen zwischen Migranten und Deutschen gefestigt hat. Radikale der jeweils anderen Seite werden abgelehnt, mit den gewöhnlichen Menschen
kommt man aus.

Vielleicht sogar ein wenig besser als vor dem Brand. Man muss sich ja nicht lieben.

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Posted in: HNA