Mittendrin am Tag des Zorns: Kairo

Posted on 6. August 2012

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Zehntausende Ägypter demonstrieren für eine bessere Zukunft

Mittendrin am Tag des Zorns

Viel wurde geschrieben über Facebook und Twitter, die neuen Internetmedien, über die sich die Aktivisten organisieren und die Aufstände planen. Das stimmt nur zum Teil. Aber jetzt, an diesem schon schwülen Freitagmorgen in der Kairoer Dachwohnung meines Freundes J., ist das Internet Gold wert. Wir verfolgen die Meldungen einiger Aktivisten auf Twitter, um herauszubekommen, ob es heute gefährlich werden könnte. Hunterttausende werden erwartet, eine „Zweite Revolution“, ein zweiter „Tag des Zorns“. Die Armee hatte mit Meldungen auf ihrer Facebook-Seite die nervöse Stimmung noch geschürt. Jemand twittert: Das auf den Tahrir-Platz verlegte Freitagsgebet sei gerade vorbei, Tausende blieben da.

Wir nicken uns zu, Kamera, Block und Stifte sind eingepackt, unten sagt der Taxifahrer lapidar: „Zum Tahrir-Platz? Der ist voll.“ Wieder kommen die Zweifel während der Taxifahrt: Was machen wir da eigentlich? Revolutions-Tourismus? Wie reagieren die Ägypter auf uns, unsere Kameras? Natürlich waren die Medien von Anfang an bei den Aufständen dabei, auch waren und sind Ausländer in Kairo nichts Besonderes – es gab aber auch Meldungen von Übergriffen auf Fremde.

Wolken ziehen auf, es wird schwüler, aber zum Glück brennt die Sonne nicht mehr. Zwischen all den Menschen in brütender Hitze festzustecken, klang nicht gerade attraktiv. Dann schwingen J. und ich uns aus dem Taxi, er reicht das Geld, etwa 90 Cent, durchs Fenster, ich drehe mich um, das sind schon jetzt Zehntausende, schießt es mir durch den Kopf, ich stolpere vorwärts – „Wo kommt ihr her? Deutschland?“ So beginnen hier normalerweise Verkaufsgespräche. Heute aber haben sich an allen Zufahrtsstraßen mehrere Reihen von Kontrolleuren organisiert, um zu verhindern, dass angeheuerte Schlägertrupps für Chaos sorgen. Das alte Regime hatte in der Umsturzphase mehrmals zu dieser Taktik gegriffen, um ein hartes Eingreifen von Armee und Polizei zu rechtfertigen.

J. und ich zeigen also mehrmals unsere Ausweise, einer tastet mich ab, entschuldigt sich aber sofort, das müsse heute so sein. Dann sind wir auf dem Platz, der eigentlich mehr ein auf eine begrünte Insel zulaufender Asphaltteppich ist. Überall Menschen, Menschen, Flaggen, Musik, Wasser- und Colaverkäufer – ein wenig teurer als im Laden – neben Essensständen, Revolutions-T-Shirts und Sonnenbrillenverkäufern. An den Straßenrändern sind insgesamt sechs Bühnen aufgebaut, auf der größten steht gerade Rami Essam, der im März von der Armee im nahen Ägyptischen Museum gefolterte „Sänger der Revolution“, und singt.

Zur Demonstration haben verschiedene Jugendbewegungen aufgerufen. In ihren Reden, auf Plakaten und Flugblättern fordern sie vor allem das Ende der Armeeherrschaft und die Bestrafung von Vertretern der Mubarak-Diktatur. Die Armee lässt sich nicht blicken, bis auf einige Streitereien bleibt alles ruhig. Zu ruhig, als dass man diesen Tag den Beginn einer „Zweiten Revolution“ nennen könnte. Die meisten, mit denen wir uns unterhalten, sind dennoch zufrieden – seit Monaten seien nicht mehr so viele zum Tahrir-Platz gekommen wie heute. Die Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation ist groß. Als nach 18 Uhr, dem angemeldeten Ende der Demonstrationen, sich einige Menschen zum Sitzstreik formieren, verlassen J. und ich langsam den Platz. Sitzstreiks hat die Armeeregierung explizit verboten und die Räumung des Platzes angedroht. Da wollen wir nicht unbedingt dabei sein. Überhaupt: Das ist nicht unsere, sondern die Revolution des ägyptischen Volkes. Vor allem Europa und die USA haben sich lange genug eingemischt, um Geschäfte mit dem Diktator zu machen. Jetzt liegt es in der Hand der Ägypter.

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