Ein Land steht im Stau: Ägypten

Posted on 6. August 2012

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Ein Land steht im Stau

Ägypten muss sich bewegen – dafür gehen die Menschen auf die Straße

Niemand schaut verwundert auf, als das Ehepaar die mit Neonröhren beleuchtete Bierhalle betritt. Scheint wohl ganz normal zu sein. Der Mann schiebt sich einen der einfachen, aber bequemen Holzstühle zurecht, die Frau zupft ihr Kopftuch noch etwas ordentlicher, und Milad, der Kellner, stellt Bier auf den Tisch zwischen die beiden. Es ist kurz nach 17 Uhr. Moment mal – ein muslimisches Paar, das mitten in Kairo nachmittags gemütlich Bier trinkt? Ja, das gibt es! Auch in der arabischen Welt ist eben nicht alles so schwarz-weiß, wie es die Medien oft darstellen. Und auch wenn Alkohol laut Koran verboten ist, sind nur die wenigsten Gläubigen fanatisch vom Koran-Wortlaut besessen.

Kairo ist mit seinen geschätzt 20 Millionen Einwohnern nicht nur die Hauptstadt Ägyptens, sondern auch so etwas wie das geistige Zentrum des Islams. An der konservativen al-Azhar, der bekanntesten theologischen Schule im Islam, sind angeblich über 350.000 Studenten eingeschrieben, fast die Hälfte davon sind Frauen.

Doch seit dem 25. Januar ist das alles zweitrangig. Ab diesem Dienstag demonstrierten Zehntausende, Hunderttausende, schließlich Millionen gegen das Regime des Präsidenten Hosni Mubarak und der durch und durch korrupten Elite. Am 18. Tag der Revolution trat Mubarak zurück, „Ägypten ist frei!“ titelten die Zeitungen – doch dann blieb fast alles beim Alten. Ein Militärrat übernahm die Macht, und wie auch das alte Regime schränkt dieser Rat Grundrechte ein, lässt Blogger ins Gefängnis werfen, weil sie kritisch über die Armee schreiben, und erst vor wenigen Wochen wurden drei junge Menschen vorübergehend festgenommen, weil sie Plakate für eine Demonstration klebten. Das soziale Gefälle zwischen den Bevölkerungsschichten ist immer noch schreiend ungerecht, der Reichtum extrem ungleich verteilt.

Aber irgendwie muss es nun auch weitergehen. Alltag gibt Sicherheit. Die Orangennetze in der Saftbude um die Ecke sind gut gefüllt, und der dicke Walid im Laden gleich daneben, der sich vor drei Monaten noch einen Baseballschläger gegen unherziehende Banden besorgt hat, lässt seinen kleinen Sohn aus den Regalen holen, was der Gast aus Deutschland wünscht. Cola, Joghurt, Milch? Alles da. Vielleicht Cornflakes? Auch kein Problem.

Die Geschäftigkeit, der Lärm, die Millionen Autos erwecken den Eindruck einer Stadt, die immer in Bewegung ist und sich ständig erneuert. Aber auf die wichtigen Veränderungen warten die Ägypter noch. Überhaupt, das Warten. Die Touristenführer bei den Pyramiden warten darauf, dass wieder mehr Gäste zum einzigen noch existierenden Weltwunder kommen. Der Parfumverkäufer in Kairo Downtown wartet auf Kunden. Und die ganze Stadt wartet im Stau darauf, dass es endlich vorwärts geht. Der Taxifahrer nebenan im Stau telefoniert ohne Pause mit seiner Familie, um sie wenigstens zu hören, wenn er sie bei täglich 16 Stunden im Auto schon kaum sehen kann – dann schweifen die Gedanken ab: Im September ist Wahl in Ägypten, wie reagiert der Westen, wenn die Muslimbrüder an die Macht kommen sollten? Wie bekämpft man die Korruption, wenn der Verdienst zum Beispiel eines Beamten kaum ausreicht, morgen noch Essen für die Familie einzukaufen? Wie holt man die christlichen Kopten wieder in die Gesellschaft, die seit Jahrzehnten benachteiligt werden, weniger, weil sie Christen sind, sondern weil sie eine Minderheit sind? Die in den Slums am Kairoer Stadtrand auf Friedhöfen und in Baracken hausen und hoffen, dass sie im Müll, den sie sammeln, noch etwas Verwertbares finden, vielleicht Plastikflaschen oder Metallteile, die sie zum Kilopreis verkaufen können?

Bei all den Problemen ist umso bewundernswerter, mit welcher Freundlichkeit die Ägypter dem Gast und sich untereinander begegnen. Vielleicht liegt das auch am Nil, der sich beruhigend und als ob er um seine lebenswichtige Bedeutung für Ägypten wissen würde durch das Land windet.

Durch die grünen Felder im Nildelta geht es weiter nach Alexandria. Nach den Abgasen und dem Smog soll das Mittelmeer den Kopf wieder freimachen. Sightseeing hat sich in Kairo irgendwie falsch angefühlt, bei all den Gesprächen über Politik, den verwackelten Handyfilmen von Prügel und Schüssen, die dem interessierten Gast im Café gezeigt werden. In Alexandria gibt es allerdings nicht allzu viel zu sehen. Heute ist das Spannendste in Alexandria das, was nicht mehr da ist. Wie der Leuchtturm Pharos, der mit weit über hundert Metern auch heute noch riesig wäre und der auch eines der sieben Weltwunder war. Oder die Bibliothek, die vor ihrer Zerstörung die bedeutendste und größte Wissensstätte des Altertums war. 2002 wurde nahe der Stätte der antiken Bibliothek eine neue eröffnet, deren Architektur die Tradition des Wissens mit der modernen Zeit elegant vereint.

An fast allen Tischen der Bibliothek sitzen Studenten und Studentinnen, es ist Mittwoch, sie nutzen den schnellen Internetzugang in der Bibliothek, die Abschlussprüfungen für dieses Semester stehen bevor. Aber manche Studenten sind in Gedanken woanders: Die Revolution sei noch lange nicht beendet, sagen sie, die Zustände hätten sich nicht gebessert. Für Freitag wurde zu einer „zweiten Revolution“ aufgerufen, einem „Tag des Zorns“ auf dem berühmt gewordenen Tahrir-Platz im Zentrum Kairos. Tahrir bedeutet Befreiung. In den Zeitungen steht, dass die Armee davon absehen werde, Schusswaffen zu gebrauchen. Die bewusst nur schlecht versteckte Drohung ist klar: Es könnte heiß werden am Freitag, dem typischen Tag für die arabischen Demonstrationen.

Also setze ich mich in den Zug zurück nach Kairo, um dabeizusein. Die Abteiltüren stehen offen, die Männer rauchen, draußen rauscht die grüne Landschaft des Nildeltas vorbei. Ich komme mit einigen Studenten ins Gespräch. Sie alle wünschen sich das Gleiche: Gleiche Chancen für alle, mehr Arbeitsplätze, dass der Militärrat möglichst schnell freie Wahlen einleitet und danach abtritt – und auch, dass die Menschen in den USA und Europa verstehen, dass muslimisch und gleichzeitig demokratisch sein kein Widerspruch ist.

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