Nichts Schlimmeres, als blind zu sein

Posted on 5. August 2012

0



Reisebericht

Professoren und Studenten des Orientalischen Instituts auf Studienfahrt in Andalusien

Dieser Beitrag erschien im „Journal“ der Universität Leipzig.

Monem Jumaili liebt dieses Land. Hier vergisst er die Hektik der Deutschen, schlängelt sich durch die engen Gassen der Altstadt von Granada und genießt die Wärme. Jedes Frühjahr verbringt er seinen Urlaub an der Costa del Sol in Andalusien, der südlichsten und größten der autonomen Regionen Spaniens.

In diesem Jahr reiste der irakische Lektor für Arabisch am Orientalischen Institut der Universität Leipzig gleich zweimal in den Süden der Iberischen Halbinsel: Im September nahm er mit Studenten und Professoren des Orientalischen Instituts an einer achttägigen Studienfahrt nach al-Andalus teil, in eine vergangene Blütezeit, in das Goldene Zeitalter der Muslime. Sieben Jahrhunderte lang hatten diese auf der Halbinsel geherrscht, zuletzt noch in Granada. Als sich die Christenkönige von Kastilien und Aragón verbündeten, fand al-Andalus 1492 ein Ende.

Schon Mitte 2005 hatte die Leipziger Arabistik-Professorin Verena Klemm die Planungen begonnen und bot mit ihrer Assistentin Dr. Stefanie Brinkmann drei vorbereitende Hauptseminare an, die sich nach einem kulturgeschichtlichen Blick auf al-Andalus vor allem mit der maurischen Kunst und Architektur sowie mit der Dichtung beschäftigten. Die vom DAAD geförderte Exkursion sollte die Seminarinhalte, wie die islamische Gartenarchitektur oder die Ausschmückung der Großen Moschee von Córdoba, anschaulich werden lassen.

Bereits die erste Station Sevilla, Hauptstadt der Region Andalusien, faszinierte die Studiengruppe. Einige der schönsten Bauten sind die Villen, die für die Ibero-Amerikanische Ausstellung im Jahr 1929 errichtet wurden. Der riesige Spanische Pavillon am Plaza de España ist krönender Höhepunkt dieser Gebäudeflut und erster Anlaufpunkt einer jeden Touristengruppe. Interessant sind für Arabisten vor allem der Alcázar, der prächtige maurische Palast, und die Giralda, Teil der größten gotischen Kathedrale der Welt und eines der Wahrzeichen der Stadt. Dieser quadratische Turm war ursprünglich das Minarett einer Moschee, die ab 1184 von den Almohaden erbaut wurde, einer Berberdynastie, die bis 1235 in Andalusien herrschte.

Der Alcázar von Sevilla ist das bedeutendste Beispiel für die Architektur der Mudéjares, der Muslime, die im Verlauf der Reconquista unter christliche Herrschaft gerieten, aber weiter muslimisch bleiben konnten. Im Auftrag der Christen schufen sie Bauwerke wie den Alcázar und bildeten einen eigenen Mischkunststil heraus, der im 14. Jahrhundert seine Blüte erreichte. Typisch dafür sind etwa die „Azulejos“, farbig glasierte Backsteine und Kacheln, die Hufeisenbögen, arabische Inschriften und die gotische Ornamentik. Auch auf die ältesten, rein islamischen Teile des Alcázars wurde das Augenmerk gerichtet: den „Patio del Yeso“ mit seinem ruhigen Wasserlauf oder die vielen Muqarnas-Kuppeln, die mit ihren spitzbogenartigen Elementen an Tropfsteinhöhlen erinnern.

Wenige Kilometer von Córdoba liegt Madinat az-Zahra, eine der wichtigsten Ausgrabungsstätten des spanischen Mittelalters. Verena Klemm hatte eine Führung durch den leitenden Archäologen Antonio Vallejo Triano persönlich vereinbart, die Einblicke in für andere Besucher verschlossene Areale erlaubte.

Der Höhepunkt von Córdoba ist die prächtige Mezquita. Zahllose Säulen säumen die verschiedenen Schiffe der riesigen Moschee. Die erste Herrscherdynastie in al-Andalus, die Umayyaden, hatten die Moschee 785 und 786 erbaut. In den folgenden Jahrhunderten erweiterten die Herrscher sie mehrmals, ohne jedoch ihr Grundthema, den Säulenwald mit seinen hunderten von Hufeisenbögen, zu verändern. Im 16. Jahrhundert aber ließ Karl V. eine Kathedrale mitten in die Moschee „hineinpflanzen“. Obwohl diese einige Kostbarkeiten wie die spätbarocken Mahagonikanzeln beherbergt, wirkt sie in ihrer üppigen Pracht wie ein Fremdkörper. Dennoch findet man noch heute viele auf die maurische Kunst und Architektur verweisende Merkmale, wie im Schmuckstück der Moschee, dem Mihrab: Diese Gebetsnische ist geschmückt von Millionen bunter Mosaiksteinchen, die zu floralen Mustern und kalligraphierten Schriftzügen zusammengesetzt sind.

Nach einem Spaziergang durch das verwinkelte Altstadtviertel Judería ging die Reise weiter nach Granada, eine vor den 3000 Metern hohen Bergspitzen der Sierra Nevada liegenden Stadt. Dort erwartete die Reiseteilnehmer das meistbesuchte Bauwerk Andalusiens, die Alhambra. Die Nasriden, Herrscher von Granada, hielten durch diese mächtige Festung der Reconquista am längsten stand, bis 1492. Mit ihrem Fall endete auch die Ära der Muslime in Spanien. „Es gibt im Leben nichts Schlimmeres als das Leid, in Granada blind zu sein“ – vor allem in den beiden Fürstenpalästen, den Palacios Nazaríes, wird verständlich, was der mexikanische Dichter Icaza meinte: Das überall plätschernde Wasser, die filigran verzierten Wände und Decken, die Kalligraphien sind atemberaubend.

Der Weg vom Audienzsaal des Sultans über den Myrtenhof, dessen verzierte Arkaden sich im Wasser spiegeln, lässt sich als Steigerung der nasridischen Bau- und Dekorationskunst begreifen. Im Löwenhof mit seinem Marmorbrunnen, den schlanken Säulen und raffinierten Symmetrieachsen erreicht sie ihren Höhepunkt.

Letztlich war die Studienfahrt neben den anstrengenden, aber faszinierenden Besichtigungen und der herzlichen Atmosphäre unter den Teilnehmern noch aus einem anderen Grund ein positives Erlebnis: In der Atlantikstadt Cádiz wartete Jorges Aguadé, Professor im Department für Arabische Studien der Universität Cádiz, mit dem das Orientalische Institut im Rahmen des Programms Socrates-Erasmus kooperieren will. Der Erfolg dieses Treffens ist bereits sichtbar: Seit diesem Semester können Leipziger Studenten in Cádiz unter anderem maghrebinisches Arabisch lernen.

Advertisements
Verschlagwortet: , ,
Posted in: andere