Krieg und Frieden: Beirut

Posted on 5. August 2012

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Krieg und Frieden in nächster Nähe: im Paris des Nahen Ostens

Beirut ist eine gespaltene Stadt. Der lange Bürgerkrieg, die innere Zerrissenheit des Landes und die fünf Wochen dauernden Angriffe Israels im letzten Jahr haben der Küstenstadt ihren Stempel eingebrannt. Doch Beirut ist auch eine schöne Stadt, die Partymeile des Nahen Ostens, viel liberaler, viel „westlicher“, nicht zu vergleichen mit anderen orientalischen Städten.

In Damaskus bin ich in eines der Servicetaxis eingestiegen. Das sind meist alte amerikanische Straßenkreuzer aus den Fünfzigern, die ihre Fahrer gelb angemalt haben und die irgendwie, trotz ihres Alters und der fehlenden Ersatzteile, immer noch ihren Weg zwischen den Hauptstädten Syriens, Jordaniens und des Libanon finden. Arabische Taxifahrer sind Meister der Improvisation, und so bezahle ich die acht Euro für die dreistündige Fahrt nach Beirut und vertraue mich dem Fahrer an, einem geschwätzigen, grauhaarigen Mann, der keine Gelegenheit auslässt, mich nach meiner Religion, meiner Familie und dem Leben in Deutschland auszufragen. Ich bin solche Fragen gewohnt und plaudere ein wenig in meinem gebrochenen Arabisch mit ihm, als sich einer der drei anderen Fahrgäste einmischt und mir eine zerstörte Brücke zeigt. „Israel“ und „Krieg“, sagt er lapidar, und seltsamerweise bleiben diese zwei Worte die einzigen, die während der Fahrt politische Themen anschneiden.

Die Libanesen sind des ewigen Leidens müde. Fast jeder, den ich in Beirut und im Libanon treffe, hat einen Angehörigen verloren. 15 Jahre Bürgerkrieg, eine kurze Phase brüchiger Ruhe, dann die Angriffe Israels. Über Gründe und größere politische Zusammenhänge diskutieren wir nicht, ich kenne die Haltung der meisten Araber gegenüber der israelischen Regierung.

Als unser blassgelbes Gefährt den letzten Pass der hügeligen Landschaft durchschnitten hat, breitet sich direkt vor mir eine üppige, von kleineren Ansiedlungen überzogene Landschaft aus. In der Ferne ruht das Mittelmeer, und zwischen diesen Szenarien: Beirut. Anderthalb Millionen Menschen leben hier, die aus vielen Konfessionen und Parteien zusammengesetzte Regierung des Libanon hat hier ihren Sitz ebenso wie einer der angesehensten Universitäten des Nahen Ostens, die American University of Beirut.

Wir schlängeln uns immer tiefer die Serpentinen hinunter, die Häuser links und rechts der Straße werden höher, der Verkehr nimmt zu, ich sehe einen Unfall, jeder fährt wie er will, ich muss lächeln, mehr und mehr Menschen auf der Straße, gestikulierend, rufend, hektisch, ich schaue immer schneller umher, will alles aufnehmen, was diese Stadt mir bietet, und plötzlich sind wir da. Mein Hotel ist in einer relativ grauen Ecke der Stadt, nahe des Hafens und einer Schnellstraße, aber es ist billig. Zafer, der Besitzer des kleinen Hotels, begrüßt mich auf Englisch, Französisch und Arabisch gleichzeitig und stellt beim Begrüßungstee sehr schnell fest, dass ich Deutscher bin: Mein Akzent im Arabischen verrät mich.

Nach dem Tee spaziere ich in Richtung Innenstadt. Diese ist in Beirut zweigeteilt. Nejmeh, das neue Zentrum, ist sehr schick, aber auch kalt, viele Gebäude sind neu und aus sandbraunem Stein errichtet. Einige Menschen sitzen in stilvollen Cafés mit französischen Namen, auch die für arabische Städte untypischen, weil breiten und verkehrsberuhigten Straßen tragen französische Namen. Inmitten der riesigen Zahl an Banken fällt mein Blick auf die Filiale der englischen HSBC-Bank. Im Februar 2005 wurde dort, zwischen Märtyrerplatz und Mittelmeerpromenade, der ehemalige Ministerpräsident Rafiq al-Hariri durch eine Autobombe ermordet.

Seit diesem Datum bewegt sich vieles im Libanon, die syrischen Besatzer mussten in der Folge auf Druck der libanesischen Opposition hin abziehen, und seit Monaten ist der Märtyrerplatz mit Zelten übersät. In ihnen campieren Anhänger der Opposition, angeführt von der Hisbollah. Sie organisieren Proteste und Massendemonstrationen für eine „Regierung der nationalen Einheit“ und dafür, dass die Syrer sich nicht nur militärisch, sondern auch politisch komplett aus dem Libanon zurückziehen. Während der einen Woche, die ich in Beirut verbringe, bleibt es jedoch ruhig.

Ich verzichte auf die zahlreichen Offerten der Taxifahrer und verlasse das neue, etwas leblose Zentrum zu Fuß in Richtung Westen, zum zweiten Stadtkern, zur Corniche, einer langen Promenade am Mittelmeer. Großfamilien mit Kindern, Wasserpfeife und Teekannen im Gepäck schauen aufs Meer hinaus, lachende Jugendliche flitzen mit dem Fahrrad umher und springen mit Inlineskates über selbstgebaute Rampen, ein paar Kinder versuchen mir Polaroidfotos zu verkaufen, aus geparkten Autos dröhnt laute Musik, einige alte Männer blicken versonnen auf ihre Angelruten – hier, an der Corniche, fühle ich mich wie in Südeuropa. Kein Vergleich mit Städten beispielsweise in Syrien, fast keine Frau trägt einen Schleier, Paare zeigen ihre Zuneigung ohne Scheu, die Jugend hört laute, westliche Popmusik, und kaum einer spricht mich an. Touristen ist man gewohnt in Beirut, zumindest in diesem Stadtteil.

Ich genieße die gelöste Atmosphäre und schlendere weiter am Meer entlang in Richtung Taubenfelsen. Diese vom Wasser in der Art eines Torbogens geschliffene Felsformation direkt vor der Küste ist eines der Wahrzeichen Beiruts. Zurück zum Hotel geht es durch die Straßen von Hamra, einem der modernen Viertel der Stadt. Hier tanzen die reicheren Beiruter in schicken Clubs bis in den Morgen, hier gönnen sich die Studenten der American University von Zeit zu Zeit einen Tee, denn Beirut ist teuer, und hier sitzt der Rest der Stadt in Kaffeehäusern zusammen, klatscht und tanzt zur Musik der Oud, einer dickbauchigen Laute mit kurzem Hals, und zur Darbuka, der traditionellen Trommel. Zwischen edlen Hotels und modernen Bankgebäuden stehen in kleinen Läden die Gemüsehändler, die ihre Ware anpreisen, und die Kebabbudenbesitzer, die die Touristen mit überschäumender Fröhlichkeit in ihr Lokal überreden wollen.

Der Krieg ist das andere, hässlichere Gesicht Beiruts. Hochhäuser, zersiebt von Maschinengewehrsalven, mitten in der Stadt. Wohngebäude, deren Dächer von Bomben weggerissen wurden. Oft lässt sich nur anhand des Moosbewuchses unterscheiden, aus welchem Krieg die Spuren der Zerstörung stammen. Die Banken, die Regierungsgebäude, die teuren Läden sind neu aufgebaut, haben glitzernde Fassaden, zeigen keine Spuren vom Krieg. Die Wohnhäuser der einfachen Menschen sind zerstört. Ich unternehme einen langen Streifzug in die südlichen Stadtviertel Shiah und Ghobeyreh. Hier wohnen hauptsächlich Angehörige der Schia, neben der Sunna die kleinere der beiden Hauptkonfessionen des Islam. Da Israel die schiitische Hisbollah um deren Führer Hassan Nasrallah als Hauptursache für die Raketenangriffe aus dem Südlibanon ausgemacht hat, bombardierte die israelische Armee im Sommer 2006 vorrangig Ziele in eben diesen schiitischen Stadtvierteln Beiruts, um eventuell dort verborgene Terroristenverstecke zu zerstören.

Auf dem Weg sehe ich Soldaten, die Gewehre geschultert. An jeder größeren Kreuzung stehen Panzer, oft gleich mehrere, die Mündungsrohre gen Himmel gerichtet, daneben Soldaten. Einige plaudern und lachen, doch die meisten wirken angespannt. Fotografieren ist verboten, oft verdeutlichen mir die Soldaten dies schon aus fünfzig Metern Entfernung. Ich werde immer nachdenklicher, als ich durch diese Stadtteile laufe. Etwa jedes fünfte Haus steht nicht mehr, trägt klaffende Löcher von Bomben oder Maschinengewehren, hinter jeder Straßenecke starrt mich eine Ruine an. Menschen stehen auf der Straße herum und diskutieren. Manche werfen mir skeptische Blicke zu, eine Frau bittet mich um etwas Geld. Die lässig-gelöste Atmosphäre der Mittelmeerpromenade ist auf einmal weiter entfernt als der einstündige Fußweg.

Ein wenig erleichtert bin ich schon, als ich wieder in meinem Hotel angekommen bin. Beirut, das habe ich gemerkt, ist eine Stadt der Kontraste. Und deshalb gehe ich, nachdem ich mir die Erlebnisse in den zerstörten Vierteln notiert habe, am Abend auf eine Party. Denn Beirut ist auch die Feierhochburg des ganzen Nahen Ostens. In einem modernen Gebäude mitten im neuen Zentrum spielen mehrere Bands Musik von Punkrock über langsame Popmusik und Jazz hin zu Hip-Hop. Auf einmal wird die Musik leiser gedreht, ein Sprecher tritt auf die Bühne und trägt eine im Libanon berühmt gewordene Rede des Journalisten Samir Qassir vor. Qassir wurde im Juni 2005 ermordet, wahrscheinlich weil er sich zu sehr für einen Abzug der syrischen Truppen einsetzte. Die Libanesen, und die Beiruter im Besonderen, haben zu viel Leid erlebt, als dass sie es auf einer schnöden Party vergessen könnten.

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