Brücke und Grenze: Istanbul

Posted on 5. August 2012

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Istanbul: Eine Brücke zwischen den Kontinenten

Jeder Mensch, jedes Volk sucht nach Nähe. Doch die Schwierigkeit entsteht bei der Frage nach dem Ort. Wo ist das Verbindende? Wo sind sich die Völker ähnlich, welche Naht muss man auftrennen, um Gemeinsames zu finden? Istanbul ist eine dieser Nahtstellen. Istanbul ist das Tor zu Europa, zum „Westen“, und das nicht nur, weil die Hälfte der Stadt tatsächlich schon in Europa liegt.

Doch es kommt auf die Perspektive an. Für mich ist Istanbul das Tor zum „Osten“. Von hier aus will ich meine Faszination für den Orient befriedigen, etwas über den Islam lernen, dann die arabischen Länder bereisen. Aber ich will mir auch eine Meinung bilden, nämlich ob die Türkei in die Europäische Union gehört oder nicht. Für Istanbul lautet die Antwort: ja. Vom Gefühl her ist Istanbul schon Europa. Aber ich bin ein Tourist, ich halte mich die meiste Zeit in den Stadtvierteln rund um die Galatabrücke auf, die die beiden geografisch in Europa liegenden Teile Istanbuls verbindet. Hier treffe ich nur auf gestylte junge Menschen, Frauen mit knappen Oberteilen und kurzen Röcken, hier gibt es Diskos und Kneipen, man fände sogar mehrere halboffizielle Clubs für Homosexuelle.

Doch das alles ist beschränkt auf den Bereich um die bekannten Sehenswürdigkeiten und die „Istiklal“, die wahrscheinlich berühmteste und teuerste Einkaufsstraße der Türkei. Der Rest der Metropole bleibt undurchsichtig, orientalisch. In Bezirken wie Eyüp, angeblich eine Hochburg der Fundamentalisten, ist Europa auf einmal wieder so fern wie ein Schiff am Horizont des Marmara-Meeres südlich der Stadt. Hier weicht sich auch der Laizismus auf. Die Trennung von Kirche und Staat hatte Mustafa Kemal Atatürk, der „Vater der Türken“, 1924 in der Verfassung der neu gegründeten Republik festgeschrieben.

Istanbul kann kein Mensch überschauen. Weit über 15 Millionen Menschen sollen hier leben, in diesem wuchernden Meer aus Hütten, Häusern, Plattenbauten, Bosporusvillen, Palästen, ein jedes Gebäude mit Satellitenschüsseln bewehrt. Zentraler Bezugspunkt dieses Meeres ist – das Wasser. Der Bosporus, dessen türkische Bezeichnung „Kehle“ bedeutet, trennt Europa von Asien, das „Goldene Horn“, sein Nebenarm, schneidet in den europäischen Teil. „Was Istanbul an geistigen und seelischen Kräften hat, bezieht es vom Bosporus“, schreibt der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk, dem im vergangenen Jahr der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde. Jeder in der Stadt lebt mit dem Bosporus, im Wortsinn, denn die öffentlichen Verkehrsmittel schließen auch Schiffe mit ein: Für etwa 80 Cent kann man neben U-Bahn, Straßenbahn und Bus auch mit dem Schiff gemütlich zwischen den Stadtteilen pendeln.

Von meinem Domizil direkt neben dem Galataturm, von dem man einen herrlichen Ausblick über die Häuser- und Wassermassen hat, gehe ich die steilen Straßen hinunter in Richtung Goldenes Horn. Wie Rom ist Istanbul auf sieben Hügeln erbaut, was das Gefühl noch verstärkt, alles sei wellenartig und im Fluss. An einer der Anlegestellen besteige ich die Fähre in Richtung Eminönü. Von diesem Stadtteil aus kann man die großen Sehenswürdigkeiten Istanbuls besichtigen. Die Hagia Sophia, einst christliche Kirche, dann Moschee, ist heute zu einem Museum umgewandelt. Bis heute gilt ihre extrem flache, 31 Meter durchmessende Kuppel als ein Wunderwerk der Baukunst. Ebenso eindrucksvoll türmt sich direkt gegenüber die wie ein organisches Gebilde wirkende Sultan-Ahmet-Moschee auf. Wegen ihrer berühmten blau-weißen Fliesen in der Kuppel und an den Mauern ist sie auch als „Blaue Moschee“ bekannt.

Normalerweise darf man als Nichtmuslim Moscheen nur außerhalb der Gebetszeiten besichtigen. In der Süleimaniye-Moschee aber, mehrere hundert Meter westlich von Hagia Sophia und Blauer Moschee gelegen, habe ich Glück: Der Wächter am Eingang erlaubt mir und einigen anderen Touristen, dem Gebet beizuwohnen. Fasziniert betrachte ich die rhythmischen, synchronen Verbeugungen der etwa dreißig Muslime, lausche dem Singsang des Vorbeters. Dann werfe ich einen Blick nach hinten. Eine Handvoll Frauen, kaum zu sehen, betet in einem schmalen, durch Holzgitter abgetrennten Bereich.

Die Trennung zwischen den Geschlechtern, die Verschleierung der Frauen, die von deutschen Medien lautstark aufgegriffenen Probleme wie Ehrenmord und Zwangsheirat: Der Islam als Religion ist nur bedingt für sie verantwortlich. Im Koran gibt es keine Vorschrift, die Frauen beispielsweise zum Schleier zwingt. Dennoch widersprechen solche Bilder und Nachrichten unseren Werten, und es ist leicht, europäische Probleme mit der arabisch-islamischen Kultur auf „den Islam“ abzuladen. Doch das ist zu einfach. Ehrenmorde und Zwangsheirat haben in den traditionellen, extrem patriarchalischen Strukturen der Gesellschaften ihren Ursprung. Hinzu kommt aber, dass im Islam die Zeit „sakral versiegelt“ ist, wie es der Historiker Dan Diner formuliert: Das Sakrale sei allgegenwärtig und verhindere so den Fortschritt in der arabisch-islamischen Welt.

Natürlich spielt die Religion in der Türkei eine große Rolle, auch wenn Staat und Kirche eigentlich getrennt sind. Aus dieser formalen Herabsetzung der Religion und der gleichzeitigen Überbetonung des Türkentums erwuchs jedoch ein weiteres Problem, das des türkischen Nationalismus. Mehrere berühmte Intellektuelle gerieten mit dem Paragraf 301 in Konflikt, der die „Herabwürdigung“ des Türkentums unter Strafe stellt. Der armenische Journalist Hrant Dink wurde deshalb ermordet, auch gegen Nobelpreisträger Orhan Pamuk lief zeitweilig ein Verfahren. Zwar ist per Gesetz Kritik am Staat erlaubt, aber die Grenze zur „Herabwürdigung“ ist schwammig. Auch in Deutschland steht es unter Strafe, beispielsweise den Bundespräsidenten zu verunglimpfen, doch der Europäischen Union (EU) geht der türkische Paragraf 301 zu weit. Außerdem kritisiert die EU, dass die Christen und anderen religiösen Minderheiten nicht ausreichend gleichgestellt seien. Zusammen mit anderen Problemen führte dies dazu, dass die Verhandlungen zum EU-Beitritt der Türkei derzeit stocken. Auf einer Straße in Istanbul treffe ich einen türkischen Mann, der bis vor kurzem mehrere Jahre in Deutschland gearbeitet hatte. Für ihn sind die Verhandlungen zwar derzeit ausweglos, aber er wünscht sich den EU-Beitritt: „Die Türkei wird zu Europa gehören, daran glaube ich. Aber wer weiß, vielleicht erst in fünfzig Jahren.“

Ich habe erstmal genug von der großen Politik und fahre mit dem Schiff zu einem meiner Lieblingsplätze in Istanbul. In der Nähe des Haydarpascha-Bahnhofs auf der asiatischen Seite beginnt eine lange, schmale Meerespromenade. Eigentlich sind es nur zum Bosporus hin abfallende Stufen, aber die erfinderischen Istanbuler haben alle hundert Meter kleine Hütten aufgestellt, aus denen sie Tee, Süßigkeiten und die typischen Sonnenblumenkerne verkaufen. An Sommerabenden sind diese Stufen überfüllt mit Familien, die ihre Wasserpfeife und, so scheint aus, sämtliche Kinder aus der Nachbarschaft mitgebracht haben. Jeder kaut Sonnenblumenkerne, dazwischen bieten kleine Mädchen fast alles an vom Polaroidfoto über Zuckerwatte und Socken hin zu Plastikspielzeug, aus den geparkten Autos dröhnt türkische Musik, junge Männer springen von den Felsen ins Wasser, kurz: das pralle orientalische Leben. Vor dieser munteren, aber gemütlichen Szenerie liegt in sanftes Licht getaucht der Leanderturm, ein weiteres Wahrzeichen Istanbuls.

Neben diesem Turm aus dem 18. Jahrhundert arbeiten die hochmodernen Schwimmkräne einer japanischen Firma. Ein gegen stärkste Erdbeben gesicherter Tunnel soll ab 2009 Asien mit Europa verbinden. Auch wenn dieses Nebeneinander von Tradition und Moderne charakteristisch für Istanbul ist: Bis Europa und Asien auch politisch verbunden sind, werden noch einige Jahre verstreichen.

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